Mit dieser Kurzgeschichte führt die Autorin in Gefilde, die manchem von uns unvertraut sein dürften. Da ist zum einen der Alltag des Altenpflegers Marten mit seinen speziellen Herausforderungen an Körper und Seele – und zum anderen die Vorstellung des wechselhaften Gedankengebäudes einer dementen Dame. Ausflüge, die Leah Neumann, die diese Geschichte geschrieben und beim Freitagssalon vom 24. März 2023 vorgelesen hat, einfühlsam und mit deutlicher Sprache bebildert.
Lesedauer neun Minuten
Marten arbeitet schon seit 7 Jahren in der Pflege. Seine Aufgaben sind oft die einer Hyäne: Darauf lauern, dass was übrig bleibt, was keiner mehr braucht – nur um sich direkt mit Freude draufzustürzen. Er kann Leid wegputzen von jedweder Größe. Heute frisch gestorbene, alte Elefanten, früher halb verweste, totgeborene Gnus. Allesamt verputzt die hungrige Hyäne Marten in seinen Magen von der Größe eines schwarzen Lochs, während er als Pfleger Marten Brei und Tee anreicht, Windeln wechselt oder zielsicher Enddärme ausräumt, alles so, wie’s gerade kommt.
Gleich endet das Mittagessen. Die Mägen der Altenheimbewohner enthalten seit gut zwei Minuten einen ganzen Kochtopfinhalt, der vorhin in der Stationsküche nebenan noch ein letztes Mal von Köchin Gerda umgerührt, und dann schnellstens in fünf Porzellanschüsseln verteilt wurde. Ausgekratzt warten sie auf den fünf Tischen im Aufenthaltsraum darauf, abgeräumt zu werden. Es hat gut geschmeckt.
Wenn mal eine der zwanzig Gabeln fehlt, die Helferin Siglinde eingedeckt hat, ist sie meist in Oma Utrudts Dutt zu finden. So auch heute. Dank ihrer Demenz des vierten Grades hat sie sich wie immer sehr über die große Haarnadel mit dem kleinen Kamm gefreut, die das nette, blonde Fräulein mit weißem Kittel vorab zu der weißen Scheibe vor ihr auf den Tisch gelegt hat. „Jesses, eine Frisbee“, hat sie sich gedacht. „Ja, was soll denn das? Das hier ist ein Wartezimmer und kein Spielplatz.“
Nun wieder kaum siebzehnjährig im Kopf sitzt sie da, spielt verliebt mit ihren schüttern-weißen Strähnen. Der Herr Doktor ruft sie ganz bestimmt gleich auf, wird zum allerersten Mal ihren Namen sagen. Wie wohl seine Stimme klingen mag?
Das, was nach ihrem Kennenlerntag im Sommer 1959 noch alles passieren würde, hat sie längst vergessen. Wie er sie, die Simulantin, nach gefühlten Ewigkeiten zu sich ruft, sie enttarnt und doch nicht böse sein kann. Wie er sie gleich dabehält und sie ihn zum Kirschen Klauen anstiftet am Abend. Wie er sie ganz merkwürdig mit Zunge küsst, dass die Kerne im Mund schamlos aneinanderknallen! Ihr die Spucke wegbleibt, aber er ihr seine gibt. Keiner auf der Welt weiß mehr davon. Dass sie da gewusst hat: „Das wird mal mein Mann“, und Recht behalten würde. 60 Jahre lang keinen Tag getrennt, bis er sie zur Witwe machte vor drei Jahren. Ihr Gehirn ganz schnörkellos verkrusten ließ, weil sie zu viel weinte und zu wenig trank.
Hier im Heim kann das zum Glück nicht mehr passieren, Utrudt weiß es nicht, doch hier geht es ihr gut. Manchmal kommt sogar Besuch, und bringt ihr Mon Chéri mit. Jedes Mal probiert sie es zum allerersten Mal und ist überrascht, wie gut es schmeckt.
Wenn es nach dem Dreikäsehoch gegangen wäre, der Marten noch im Grundschulalter war, wäre er jetzt Feuerwehrmann, und nicht Pfleger. Die Sirenen hatten es ihm damals angetan. Jetzt, erwachsen, kriegt er sie auch oft zu hören, freuen kann er sich darüber aber nicht mehr. Beinah jedes Mal wollen sie zu ihm in die Station. Meist hat er den Wagen sogar selbst gerufen. Dann ist er als Pfleger so gefordert, dass er zum Hyänenrudel wird. Dessen Synchronisation im Lion King kann er in fünf Sprachen mitsprechen – schon seit damals, als er noch die Schreie der Sirenen mochte und mit ihnen heulte wie der Nachbarshund am Zaun.
Doch noch immer traut er sich nicht einmal, ins Feuerzeug zu fassen, und so muss er Leid und Elend weglachen, seinen Trickfilm weiterlaufen lassen, wenn schon wieder eins der Betten leergeräumt wird. Hab und Gut von Menschen, die er mochte, die er öfter sah als Dagmar Berghoff von den Tagesthemen, denen er den Mund abwischte und den Hintern, die sind jetzt für immer weg. Er räumt ihre Sachen in eine Kiste, macht den Deckel zu wie einen Sarg, beschriftet ihn. Noch ein Name, der bald niemals mehr geschrieben wird. Es scheint so, als wollten die Angehörigen das ausgleichen, wenn sie einen Grabstein kaufen und ihn extra tief gravieren lassen. Dieser Name heißt ab jetzt Vergangenheit.
Heute wird ruhig bleiben, das spürt Pfleger Marten. Die Gabel, die aus Oma Utrudts Haaren bestimmt heute noch ein paar Mal klirrend auf den Boden fällt, mal ausgenommen. Und der Musiker, der freitags vorbeikommt, im Gepäck sein altes Akkordeon. Alle altern weiter, nur die Tasten des Akkordeons sehen immer gleich abgegriffen aus, und der Klang der Lieder ist auch immer identisch. Es sind haargenau dieselben Lieder wie vor 6 Jahren, als Marten aus der Frühchenstation rüber in die Altenpflege wechselte, weg von Menschen, die es idealerweise auf der Welt noch gar nicht hätte geben dürften. Die vor ihrem eigentlichen Geburtstermin manchmal schon ihr ganzes Leben gelebt hatten. Liegend, atmend, schreiend hinter Glas. Völlig hilflos drin im Menschgewächshaus, das zur Rettungsinsel wurde oder auch zum Glassarg. Ohne jemals einen besten Freund gehabt zu haben oder das Gefühl zu kennen, sich was vorzunehmen und es auch zu schaffen.
Der Ehrenamtler am Akkordeon wird dieselben Lieder wie vor 50 Jahren spielen, als die Heimbewohner noch so jung waren wie Marten, und sich noch nicht vorstellen konnten, wie es ist, zu altern. Irgendwann tatsächlich mal ein alter Mensch zu sein. Die Tatsache, dass dies unmöglicherweise doch geschehen ist, haben die meisten schon wieder vergessen. Die Glücklichen, denkt sich die Hyäne Marten, als sie sich wie ausgehungert auf das nächste Problem stürzt. Die fünf Tische hätten schon vor drei Minuten abgedeckt sein müssen. Zackig macht der Pfleger Marten sich ans Werk, argwöhnisch beäugt von Oma Utrudt, die noch immer darauf wartet, dass der Arzt sie aufruft. „Was der junge Mann dort bloß mit all den bunt gefleckten Frisbees will?“, denkt sie.
Doch da ist er längst mit ihnen durch die Tür rotiert und abgebogen, sie vermutet, er muss etwas aus dem Lager holen. Denn wo anders sollte sie sein, als in einem Kaufhaus?! Noch bevor Pfleger Marten mit den Teeservices zurück ist, hat sie ihn jedoch wieder vergessen, ein Verkäufer kommt zur Tür herein und deckt ungefragt ihren Tisch. Welch ein Flegel. „Na hören Sie mal, ich möchte das nicht kaufen!! Wie kommen Sie darauf, dass mir das gefällt?!“ Verächtlich schaut sie auf die schlichte, weiße Tasse. „Der Herr, ich bitte Sie, führen Sie kein Meißner? Außerdem hätte ich gerne ein paar Rollschuhe!“ – „Utrudt, kommt sofort! Welcher Tee darf’s sein, Hagebutte? Wissen Sie noch, wie die schmeckt? Bei mir gab’s die damals immer frisch gekocht im Landschulheim – im Sommer! Können Sie sich das vorstellen? … Utrudt, wissen Sie, welche Jahreszeit wir gerade haben?“
Als sein eigener Blick jedoch hinüber will zum Fenster, wird er abrupt gestoppt. Keiner hier auf der Arbeit wird ihn je verstehen oder ihn gar wirklich kennen. Denn während er als Pfleger sorgsam Tee in Utrudts Tasse schenkt, schielt Hyäne Marten längst auf etwas anderes. Da ist etwas, was noch übrig ist und da nicht hingehört. Sie kann sich kaum zügeln, sie muss sabbern und die Zähne lecken, denn: „Verdammt, warum sind da noch Soßenflecken auf den Tischen?!“
Der Pfleger wird zum schwarzen Loch, das in sich selbst versinkt. „Oh Scheiße, Wischen wär‘ MEIN Job gewesen. Siglinde wollt‘ doch früher gehen, wie konnt‘ ich das vergessen?! Die ersten von der Spätschicht kommen gleich …!“ Wie ein Boomerang schießt er Richtung Küche los, direkter Weg, alleine auf Station. „Nicht, dass Siglinde dann am Ende Ärger kriegt!“
Endlich an der Spüle angekommen, im Eimer schäumt das Wasser viel zu langsam hoch, vergisst er kurz, wofür er hier bezahlt wird. Der junge Mann zu sein, der immer so nett lächelt. Als würde man sich bereits kennen, was ja gar nicht stimmt. Der seine Kundschaft stets im Blick behält, seine kleine Herde. 20 längst gebrechliche, beige eingefärbte Elefanten auf der Suche nach dem schönsten Wasserloch in Teetässchen mit Rosenmalerei.
„Marten, was geht?“ Eine Hand haut ihm von hinten auf die Schulter. „Sag mal, hast du die Siglinde zufällig gesehen?! Oder ist die etwa schon wieder früher weg?“
„Hey Björn, mein Lieber, ja, wie geht’s?“ – Doch das interessiert den gar nicht, der hat schon längst wieder kehrt gemacht.
„Ey, ich schau jetzt nach, und wenn ihre Jacke nicht mehr unten hängt, dann sag ich dir: Der Chef kriegt! die Info“, poltert Björn noch durch den Flur. Dann knallt die Stationstür. Marten fällt vor Schreck die Kinnlade herunter. Die Augen bis zum Anschlag aufgerissen rennt er los, das Schlimmste zu verhindern. Doch während die Schaumblasen im Eimer leise weiterplatzen, kommt Marten zu spät.
Es ist geschehen.
Die Hyänen werden nie mehr lachen, sie werden sich verkriechen. Der Verkäufer trägt nämlich allein die Schuld. Er wird den Porzellanladen verlassen müssen und ins Schwarze Loch gehen.
Tief in seinem Innersten wird er entdecken müssen, dass in ihm ein Elefantenfriedhof wächst. Die Kadaver aus 7 Jahren Pflege hat er unbemerkt mit in sich reingenommen zum Verwesen. Was wird passieren, wenn er dort im Abgrund Angst bekommt? Schattenland ist doch Hyänenheimat. Wo sonst könnte er zu Hause sein?
Zeitgleich wird man Oma Utrudts Bett abziehen und ein Funkeln unter ihrem Kissen finden: Die Verpackung eines leeren Mon Chéri, sorgsam in sich eingeschlagen und ganz weich gebettet. Eine letzte Eigenständigkeit trotz der Demenz, nur ein Umschlag ohne Inhalt, was auch sonst hier. Also raus aus diesem Bett, aus diesem Altenheim und weg für immer mit dir, Fitzelchen. Aber erst mal in die Hosentasche, Pfleger Björn hat keinen Müllsack mitgenommen. Unbemerkt hat er fortan den besten Proviant dabei. Denn im Kirschpapierchen steckt ein zweites, jede Ecke, Kante passt perfekt zusammen, in der Mitte treffen sich zwei alterslose Kirschen – küssen sich – und bleiben einfach so: Ein Pärchen, einfach rausgeschlichen aus dem Memory. Und die Eltern zweier kleiner Bäumchen, Kirschkernweitspucken 1959.
Marten wird sich noch Jahre später fragen, wie er Oma Utrudt mit der kochend heißen Tasse Tee und der Gabel auf dem Kopf alleine lassen konnte.
Wenn uns die Pandemie etwas gelehrt hat, dann das: Systemrelevant ist unsere Branche nicht, und Balkonklatschen ist ja nett, löst aber keine Strukturprobleme. Pflegeberufe sollten mehr haben als unseren gelegentlichen Beifall: gesellschaftlichen Status und gute Bezahlung, beispielsweise. Bis das erreicht ist, dürfen wir uns durchaus gelegentlich für unser Gehaltsniveau schämen.
Bankvorstände und CEOs von global tätigen Unternehmen rechtfertigen ihre obszönen Bezüge gerne mit ihrer Verantwortung – die sie im Schadensfall dann häufig nicht wahrnehmen müssen. Ein Beispiel für „skin in the game“ hat Alfred Lansing hier beschrieben.