Es ist ein sehr spezielles Gefühl, sein Gegenüber einfach nicht bewegen zu können. Diese Erfahrung machte um 1879 herum auch Robert Louis Stevenson, der als Zwanzigjähriger zur Überbrückung einer Wartezeit eine Wanderung durch die französischen Cevennen unternahm. Ein für damalige Zeiten außergewöhnliches Unternehmen, das die Mitnahme von Unterkunft und Verpflegung erforderte. Als Begleitung wählte er Modestine, eine zierliche Eselin, die beim Transport dieser Dinge helfen sollte.
Der folgende Textabschnitt macht unter anderem deutlich, wie wichtig es ist, die Sprache dessen zu finden, den man erreichen und bewegen möchte.
Lesezeit etwa sieben Minuten
Vom Kirchturm in Le Monastier schlug es gerade neun, als ich der geschilderten Anfangssorgen ledig die sanft geneigte Gemeindewiese hinabschritt. Solange ich noch in Sichtweite der Fenster war, hemmten mich eine verhohlene Scham und die Furcht vor einer lächerlichen Niederlage daran, mich mit Modestine einzulassen. Auf ihren vier winzigen Hufen trippelte sie dahin in einer ausgeglichenen, gezierten Gangart. Von Zeit zu Zeit schwenkte sie die Ohren oder den Schwanz, und sie sah unter dem Bündel so klein aus, daß mir Bedenken kamen. Wir durchquerten die Furt ohne weiteres – darüber gab es auch keinen Zweifel, denn Grauchen war die Fügsamkeit selbst –, und auf dem anderen Ufer, wo die Straße durch den Kiefernwald anzusteigen beginnt, nahm ich den ungeweihten Stab in die rechte Hand und traktierte den Esel mit Zittern und Zagen. Modestine beschleunigte ihren Gang für vielleicht drei Schritte und fiel dann wieder in ihren alten Schlendrian zurück. Ein zweiter Versuch hatte den gleichen Erfolg, ebenso ein dritter. Ich bin würdig, den Namen eines Engländers zu tragen, und es geht mir gegen den Strich, meine Hand roh gegen ein Frauenzimmer zu erheben. Ich ließ ab und betrachtete sie von Kopf bis Fuß. Die Knie des armen Tieres bebten, und sein Atem ging schwer. Offenbar konnte es auf der steigenden Strecke nicht schneller laufen. Gott sei davor, dachte ich, daß ich dieses unschuldige Wesen mißhandele; soll es sein eigener Schrittmacher sein. Und ich trottete geduldig hinterdrein.
Wie dieser Schritt war, es gibt kein Wort, das abschätzig genug wäre, um ihn zu beschreiben. Er war etwa so viel langsamer als Spaziergang, wie ein Spaziergang langsamer ist als ein Rennen. Er ließ mich für endlose Zeit auf einem Fuß verharren. In fünf Minuten erschöpfte er alle Lebensgeister und verursachte Fieberglut in den Beinmuskeln. Und dennoch mußte ich dichtauf bleiben und mich in meiner Fortbewegung genau nach ihr richten. Denn wenn ich ein paar Meter zurückfiel oder ein paar Meter vorausging, blieb Modestine sofort stehen und begann zu grasen. Der Gedanke, daß dies bis nach Alès so weitergehen sollte, brach mir fast das Herz. Von allen erdenklichen Reisen versprach diese, zur mühseligsten zu werden. Ich versuchte mir einzureden, es sei ein herrlicher Tag; ich versuchte, meine schlimmen Vorahnungen mit Tabak zu besänftigen; aber vor Augen hatte ich unablässig das Bild der langen, langen Wege, hügelauf und talab, und zweier Wesen, die sich ständig infinitesimal bewegen: einen Fuß vor den anderen, einen Meter in der Minute, und ihrem Ziel nie näherkommen wie Spukgestalten in einem Alptraum.
Inzwischen holte uns ein hochgewachsener, etwa vierzigjähriger Bauer mit ironischem, verschnupftem Gesichtsausdruck ein, der mit dem landesüblichen grünen Bratenrock angetan war. Er überholte uns und blieb stehen, um unser klägliches Vorankommen in Augenschein zu nehmen.
„Ihr Esel“, meinte er, „ist wohl ziemlich alt?“ „Nicht daß ich wüßte“, gab ich zur Antwort. Dann, nahm er an, kämen wir von weit her.
Ich sagte ihm, wir seien gerade erst von Le Monastier aufgebrochen.
„Et vous marchez comme ça!“ rief er aus, warf seinen Kopf zurück und lachte aus vollem Halse. Fast geneigt beleidigt zu sein, behielt ich ihn im Auge, bis er seine Heiterkeit ausgelassen hatte. „Mit diesen Biestern dürfen Sie kein Mitleid haben.“ Sprach’s, brach sich eine Gerte von einem nahestehenden Busch und begann, Modestines Hinterteil zu bearbeiten, indem er gleichzeitig einen Schrei ausstieß. Die Range stellte die Ohren auf und setzte sich in einen flotten, runden Trab, den sie ohne nachzulassen und ohne das geringste Zeichen von Not und Pein aufrechterhielt, solange der Bauer bei uns blieb. Das frühere Schnaufen und Zittern war, wie ich leider einsehen mußte, Theater gewesen. Mein deus ex machina gab mir, ehe er mich verließ, einige ausgezeichnete, wenn auch nicht gerade barmherzige Ratschläge. Er überreichte mir die Gerte, für die das Tier nach seiner Meinung viel empfindlicher sei als für einen Knüppel, und lehrte mich den richtigen Ruf oder das Zauberwort der Eseltreiber: „Prut!“ Die ganze Zeit betrachtete er mich mit einem drolligen, ungläubigen Gesicht, und es war schon verwirrend, es zu konfrontieren. Er belächelte mein Eseltreiben, wie ich seine Rechtschreibung oder seinen grünen Bratenrock belächelt haben mochte. Aber ich war im Augenblick nicht an der Reihe.
Stolz auf mein neues Wissen, meinte ich, die Kunst in aller Vollkommenheit erlernt zu haben. Gewiß, Modestine vollbrachte Wunder für den Rest des Vormittags, und ich hatte eine Atempause, so daß ich mich umschauen konnte. Es war Sabbat, die Äcker an den Hügeln lagen verlassen in der Sonne, und als wir nach Saint-Martin-de-Fugères hinabkamen, war die Kirche überfüllt; Leute knieten draußen auf den Stufen, und der Singsang des Priesters drang aus dem schummrigen Innern ins Freie. Es gab mir auf der Stelle ein Heimatgefühl, denn ich bin sozusagen ein Landsmann des Sabbats, und alle Sabbatriten wecken in mir gemischte Gefühle, Dankbarkeit und das Gegenteil davon. Nur der Wandersmann, der vorbeieilt wie ein Wesen von einem anderen Planeten, kann den Frieden und die Schönheit des großen asketischen Festes wirklich genießen. Der Anblick des ruhenden Landes tut ihm in der Seele wohl. Irgendwie ist diese weite, ungewohnte Stille besser als Musik, und sie stimmt ihn auf freundliche Gedanken wie das Murmeln eines Baches oder die Wärme des Sonnenscheins ein.
In dieser frohen Stimmung kam ich den Hügel hinunter in das grüne Tal, an dessen Schluß Goudet liegt mit dem Château Beaufort gegenüber auf einer felsigen Anhöhe, dazwischen der Fluß, klar wie Kristall, in einer tiefen Senke zum Teich erweitert. Oberhalb und unterhalb kann man ihm lauschen, wie er über die Steine plätschert, ein niedlicher Knirps von einem Fluß, den Loire zu nennen absurd erscheint. Goudet ist auf allen Seiten von Bergen eingeschlossen; bestenfalls für Esel gangbare, steinige Fußwege verbinden mit der Außenwelt. Die Männer und Frauen trinken und fluchen in ihrer Ecke oder blicken im Winter hinauf von der Schwelle ihres Hauses zu den schneebedeckten Gipfeln in einer Abgeschlossenheit wie Homers Zyklopen. Aber dem ist nicht so. Der Postbote erreicht Goudet mit seinem Briefsack, und die unternehmungslustige Jugend braucht nur einen Tagesmarsch bis zur Bahnstation in Le Puy. Zudem findet man im Gasthof ein gestochenes Porträt von Régis Senac, dem Neffen des Wirts, Fechtmeister und Champion beider Amerikas, ein Titel, den er sich samt einem Betrag von fünfhundert Dollar in New Yorks Tammany Hall am 10. April 1876 erkämpfte.
Ich beeilte mich mit meinem Mittagessen und war schon bald wieder unterwegs. Doch als wir die nicht enden wollende Lehne auf der anderen Seite hinanstiegen, schien „Prut“ seine Wirkung verloren zu haben. Ich prutete wie ein Löwe, ich prutete honigsüß wie eine Turteltaube, aber Modestine ließ sich weder erweichen noch einschüchtern. Sie blieb stur bei ihrem Trott. Nur ein Hieb konnte sie anspornen, und auch das nur eine Sekunde lang. Ich mußte ihr auf den Fersen bleiben und sie dauernd bearbeiten. Sobald ich bei dieser abscheulichen Plackerei eine Pause einlegte, fiel sie in ihre ureigene Gangart zurück. Ich glaube, ich habe noch nie von jemandem gehört, der sich in einer derart mißlichen Lage befand. Ich mußte vor Sonnenuntergang den See von Bouchet erreichen, wo ich kampieren wollte, und um das auch nur hoffen zu dürfen, mußte ich dieses klaglose Tier ohne Unterlaß mißhandeln. Das Sausen meiner eigenen Hiebe zu hören, machte mich ganz krank. Als ich ihr einmal ins Gesicht sah, hatte sie eine leise Ähnlichkeit mit einer Dame meiner Bekanntschaft, die mich einst mit Güte überschüttet hatte, und das steigerte meinen Ekel vor meiner Grausamkeit.
Um das Unglück vollzumachen begegneten wir einem anderen Esel, der frei am Rande des Weges herumlief. Der Zufall wollte es, daß dieser Esel ein Gentleman war. Er und Modestine begrüßten sich wiehernd vor Freude, und ich mußte das Paar trennen und die junge Glut mit einer fieberhaften Bastonade ersticken. Wenn ein männliches Herz unter der Haut dieses Esels geschlagen hätte, wäre er mit Zähnen und Hufen über mich hergefallen. Und das war eine Art Trost – er war schlicht Modestines Zuneigung nicht wert. Aber der Vorfall stimmte mich traurig wie übrigens alles, was an das Geschlecht meiner Eselin erinnerte.
„Reise mit dem Esel durch die Cevennen“ von Robert Louis Stevenson, 1879
Überzeugen ist wohl der Königsweg in der Kommunikation: Der Kommunikationspartner ist auf Augenhöhe, der oder die Schreibende kennt die Materie und ihre Komplexität, Vor- und Nachteile von verschiedenen Lösungsansätzen dürfen einfließen, Überhöhung, Übertreibung, Vereinfachung, Verschleierung sind nicht angebracht.
Hier lohnt sich manchmal ein Gespräch mit Techniker*in, Produktmanager*in oder der Rechtsabteilung. Oder sogar das Überarbeiten eines Rohentwurfs des- oder derselben.
Berechtigterweise wirst du einwenden, dass das Überzeugen einer Eselin deutlich einfacher sei als das Überzeugen von Menschen. Wie es Ernest Shackleton gelang, seine 28-köpfige Mannschaft zu motivieren, im arktischen Winter das Schiff zu verlassen und ohne sichere Aussicht auf Überleben loszumarschieren, zeigt der nächste Beitrag.