„Tschick“ von Wolfgang Herrndorf (2010)

Es gibt Menschen, die auf den ersten Blick keine Chance auf Sympathie bei uns haben. Manche anscheinend sogar bei niemandem im Umfeld. Bis zu dem Moment, in dem sie uns beeindrucken, den Lichteinfall aufs Leben ändern, es spannender zu machen scheinen. Ein unwiderstehlicher Reiz, einen solchen Menschen genauer unter die Lupe zu nehmen. Im besten Fall entwickeln sich daraus sogar verlässliche freundschaftliche Beziehungen.

Lesedauer knapp elf Minuten

Ich konnte Tschick von Anfang an nicht leiden. Keiner konnte ihn leiden. Tschick war ein Assi, und genau so sah er auch au Wagenbach schleppte ihn nach Ostern in die Klasse, und wenn ich sage, er schleppte ihn in die Klasse, dann meine ich das auch so. Erste Stunde nach den Osterferien: Geschichte. Alle saßen auf ihren Stühlen wie festgetackert, weil, wenn einer ein autoritäres Arschloch ist, dann Wagenbach. Wobei Arschloch jetzt eine Übertreibung ist, eigentlich ist Wagenbach ganz okay. Er macht okayen Unterricht und ist wenigstens nicht dumm, wie die meisten anderen, wie Wolkow zum Beispiel. Bei Wagenbach hat man keine Mühe, sich zu konzentrieren. Und man tut auch gut daran, weil, Wagenbach kann Leute richtig auseinandernehmen. Das weiß jeder. Selbst die, die ihn noch nie hatten. Bevor ein Fünftklässler zum ersten Mal das Hagecius-Gymnasium betritt, weiß er schon: Wagenbach, Achtung! Da ist es mucksmäuschenstill. Bei Schürmann klingelt immer mindestens fünf Mal in der Stunde ein Handy. Patrick hat es sogar mal geschafft, bei Schürmann seinen Klingelton neu einzustellen – sechs, sieben, acht Töne hintereinander, bis Schürmann um ein wenig mehr Ruhe bat. Und auch da hat er sich nicht getraut, Patrick scharf anzugucken. Wenn bei Wagenbach ein Handy klingelt, kann derjenige sicher sein, die große Pause nicht lebend zu erreichen. Es gibt sogar das Gerücht, dass Wagenbach früher mal einen Hammer dabeihatte, um Handys zu zerkloppen. Ich weiß nicht, ob das stimmt.
Wagenbach kam also rein in dem schlechten Anzug und mit der braunen Kacktasche unterm Arm wie immer, und hinter ihm her schleppte sich dieser Junge, der wirkte, als wäre er kurz vorm Koma oder so. Wagenbach knallte seine Tasche aufs Pult und drehte sich um. Er wartete mit zusammengezogenen Augenbrauen, bis der Junge langsam her angeschlurrt war, und sagte dann: „Wir haben hier einen neuen Mitschüler. Sein Name ist Andrej – “
Und dann schaute er auf seinen Notizzettel, und dann schaute er wieder den Jungen an. Offenbar sollte der seinen Nachnamen selber sagen. Aber der Junge guckte mit seinen zwei Schlitzaugen durch den Mittelgang ins Nichts und sagte auch nichts.
Und vielleicht ist es nicht wichtig zu erwähnen, was ich dachte in diesem Moment, als ich Tschick zum ersten Mal sah, aber ich will es trotzdem mal dazusagen. Ich hatte nämlich einen extrem unguten Eindruck, wie der da neben Wagenbach auftauchte. Zwei Arschlöcher auf einem Haufen, dachte ich, obwohl ich ihn ja gar nicht kannte und nicht wusste, ob er ein Arschloch war. Er war ein Russe, wie sich dann herausstellte. Er war so mittelgroß, trug ein schmuddeliges weißes Hemd, an dem ein Knopf fehlte, 10-Euro-Jeans von KiK und braune, unförmige Schuhe, die aussahen wie tote Ratten. Außerdem hatte er extrem hohe Wangenknochen und statt Augen Schlitze. Diese Schlitze waren das Erste, was einem auffiel. Sah aus wie ein Mongole, und man wusste nie, wo er damit hinguckte. Den Mund hatte er auf einer Seite leicht geöffnet, es sah aus, als würde in dieser Öffnung eine unsichtbare Zigarette stecken. Seine Unterarme waren kräftig, auf dem einen hatte er eine große Narbe. Die Beine relativ dünn, der Schädel kantig.
Niemand kicherte. Bei Wagenbach kicherte sowieso niemand. Aber ich hatte den Eindruck, dass auch ohne Wagenbach keiner gekichert hätte. Der Russe stand einfach da und sah aus seinen Mongolenaugen irgendwohin. Und er ignorierte Wagenbach komplett. Das war auch schon eine Leistung, Wagenbach zu ignorieren. Das war praktisch unmöglich.
„Andrej“, sagte Wagenbach, starrte auf seinen Zettel und bewegte lautlos die Lippen. „Andrej Tsch… Tschicha… tschoroff.“
Der Russe nuschelte irgendwas. „Bitte?“
„Tschichatschow“, sagte der Russe, ohne Wagenbach anzusehen.
Wagenbach zog Luft durch ein Nasenloch ein. Das war so eine Marotte von ihm. Luft durch ein Nasenloch.
„Schön, Tschischaroff. Andrej. Willst du uns vielleicht kurz was über dich erzählen? Wo du herkommst, auf welcher Schule du bisher warst?“
Das war Standard. Wenn Neue in die Klasse kamen, mussten sie erzählen, wo sie her waren und so. Und jetzt ging die erste Veränderung mit Tschick vor. Er drehte den Kopf ganz leicht zur Seite, als hätte er Wagenbach erst in diesem Moment bemerkt. Er kratzte sich am Hals, drehte sich wieder zur Klasse und sagte: „Nein.“ Irgendwo fiel eine Stecknadel zu Boden.
Wagenbach nickte ernst und sagte: „Du willst nicht erzählen, wo du herkommst?“
„Nein“, sagte Tschick. „Mir egal.“
„Na schön. Dann erzähle ich eben etwas über dich, Andrej. Aus Gründen der Höflichkeit muss ich dich schließlich der Klasse vorstellen.“
Er sah Tschick an. Tschick sah die Klasse an. „Ich nehme dein Schweigen als Zustimmung“, sagte Wagenbach. Und er sagte es in einem ironischen Ton, wie alle Lehrer, wenn sie sowas sagen.
Tschick antwortete nicht. „Oder hast du was dagegen?“, fragte Wagenbach.
„Beginnen Sie“, sagte Tschick und machte eine Handbewegung.
Irgendwo im Mädchenblock wurde jetzt doch gekichert. Beginnen Sie! Wahnsinn. Er betonte jede Silbe einzeln, mit einem ganz komischen Akzent. Und er starrte immer noch die hintere Wand an. Vielleicht hatte er sogar die Augen geschlossen. Es war schwer zu sagen. Wagenbach machte ein Gesicht, das zur Ruhe aufforderte. Dabei war es schon absolut ruhig.
„Also“, sagte er. „Andrej Tschicha … schoff heißt unser neuer Mitschüler, und wie wir an seinem Namen bereits unschwer erkennen, kommt unser Gast von weit her, genau genommen aus den unendlichen russischen Weiten, die Napoleon in der letzten Stunde vor Ostern erobert hat – und aus denen er heute, wie wir sehen werden, auch wieder vertrieben werden wird. Wie vor ihm Karl XII. Und nach ihm Hitler.“
Wagenbach zog die Luft wieder durch ein Nasenloch ein. Die Einleitung machte keinen Eindruck auf Tschick. Er rührte sich nicht.
„Jedenfalls ist Andrej vor vier Jahren mit seinem Bruder hier nach Deutschland gekommen, und – möchtest du das nicht lieber selbst erzählen.“
Der Russe machte eine Art Geräusch. „Andrej, ich spreche mit dir.“, sagte Wagenbach.
„Nein“, sagte Tschick. „Nein im Sinne von ich möchte es lieber nicht erzählen.“
Unterdrücktes Kichern. Wagenbach nickte kantig.
„Na schön, dann werde ich es erzählen, wenn du nichts dagegen hast, es ist schließlich sehr ungewöhnlich.“
Tschick schüttelte den Kopf. „Es ist nicht ungewöhnlich?“ „Nein.“
„Also, ich finde es ungewöhnlich“, beharrte Wagenbach. „Und auch bewundernswert. Aber um es kurz zu machen – kürzen wir das hier mal ab. Unser Freund Andrej kommt aus einer deutschstämmigen Familie, aber seine Muttersprache ist Russisch. Er ist ein großer Formulierer, wie wir sehen, aber er hat die deutsche Sprache erst in Deutschland gelernt und verdient folglich unsere Rücksicht in gewissen … na ja, Bereichen. Vor vier Jahren besuchte er zuerst die Förderschule. Dann wurde er auf die Hauptschule umgeschult, weil seine Leistungen das zuließen, aber da hat er es auch nicht lange ausgehalten. Dann ein Jahr Realschule, und jetzt ist er bei uns, und das alles in nur vier Jahren. So weit richtig?“
Tschick rieb sich mit dem Handrücken über die Nase, dann betrachtete er die Hand. „Neunzig Prozent“, sagte er.
Wagenbach wartete einen Moment, ob da noch mehr käme. Aber da kam nichts mehr. Die restlichen zehn Prozent blieben ungeklärt.
„Na gut“, sagte Wagenbach überraschend freundlich. „Und nun sind wir natürlich alle sehr gespannt, was da noch kommt … Leider kannst du nicht ewig hier vorne stehen bleiben, so schön es auch ist, sich mit dir zu unterhalten. Ich würde deshalb vorschlagen, du setzt dich dahinten an den freien Tisch, weil das ja auch der einzige Tisch ist, der frei ist. Nicht?“
Tschick schlurfte wie ein Roboter durch den Mittelgang. Alle sahen ihm nach. Tatjana und Natalie steckten die Köpfe zusammen.
„Napoleon!“, sagte Wagenbach und machte eine Kunstpause, um eine Packung Papiertaschentücher aus der Aktentasche zu ziehen und sich ausführlich zu schnäuzen.
Tschick war mittlerweile hinten angekommen, und aus dem Gang, durch den er gekommen war, wehte ein Geruch rüber, der mich fast umhaute. Eine Alkoholfahne. Ich saß drei Plätze vom Gang weg und hätte seine Getränkeliste der letzten vierundzwanzig Stunden zusammenstellen können. So roch meine Mutter, wenn sie einen schlechten Tag hatte, und ich überlegte, ob das vielleicht der Grund gewesen war, warum er Wagenbach die ganze Zeit nicht angesehen und nicht den Mund aufgemacht hatte, wegen der Fahne. Aber Wagenbach hatte Schnupfen. Der roch sowieso nichts.
Tschick setzte sich an den letzten freien Tisch ganz hinten. An diesem Tisch hatte zu Beginn des Schuljahrs Kallenbach gesessen, der Klassentrottel. Aber weil bekannt war, dass Kallenbach pausenlos störte, hatte Frau Pechstein ihn noch am selben Tag von da weggeholt und in die erste Reihe gesetzt, damit sie ihn unter Kontrolle hatte. Und nun saß stattdessen dieser Russe am letzten Tisch, und vermutlich war ich nicht der Einzige, der den Eindruck hatte: dass das aus Sicht von Frau Pechstein keine gute Idee war, statt Kallenbach da den Russen sitzen zu haben. Der war ein ganz anderes Kaliber als Kallenbach, das war offensichtlich, deshalb drehten sich auch alle ständig nach ihm um. Nach diesem Auftritt mit Wagenbach wusste man einfach: Da passiert noch was, das wird jetzt richtig spannend.
Aber dann passierte den ganzen Tag lang überhaupt nichts. Tschick wurde von jedem Lehrer neu begrüßt und musste in jeder Stunde seinen Namen buchstabieren, aber ansonsten war Ruhe. Auch die nächsten Tage blieb es ruhig, es war eine richtige Enttäuschung. Tschick kam immer im selben, abgewrackten Hemd zur Schule, beteiligte sich nicht am Unterricht, sagte immer „Ja“ oder „Nein“ oder „Weiß nicht“, wenn er aufgerufen wurde, und störte nicht. Er freundete sich mit niemandem an, und er machte auch keinen Versuch, sich mit jemandem anzufreunden. Nach Alkohol stank er die nächsten Tage nicht mehr, und trotzdem hatte man immer, wenn man in die letzte Reihe guckte, den Eindruck, er wäre irgendwie weggetreten. So zusammengesunken, wie er dasaß mit seinen Schlitzaugen, da wusste man nie: Schläft der, ist der hacke, oder ist der einfach nur sehr lässig?
So ungefähr einmal die Woche roch es dann aber doch wie der. Nicht so schlimm wie am ersten Tag, aber immerhin. Es gab auch bei uns in der Klasse Leute, die schon mal einen Vollrausch gehabt hatten – ich gehörte nicht dazu –, aber dass einer morgens besoffen in die Schule kam, war neu. Tschick kaute dann stinkendes Pfefferminzkaugummi, daran konnte man immer erkennen, was Phase war.
Sonst wusste man nicht viel über ihn. Dass da einer von der Förderschule ins Gymnasium kam, war ja absurd genug. Und dann noch diese Klamotten. Aber es gab auch Leute, die ihn verteidigten, die meinten, dass er in Wirklichkeit gar nicht dumm war. „Jedenfalls garantiert nicht so dumm wie Kallenbach“, behauptete ich irgendwann, denn ich war einer von diesen Leuten. Aber ich verteidigte ihn, ehrlich gesagt, auch nur, weil Kallenbach gerade dabeistand, der mir auf die Nerven ging. Aus Tschicks Redebeiträgen konnte man wirklich nicht schließen, ob er dumm oder klug war oder irgendwas dazwischen.
Und natürlich gab es auch Gerüchte über ihn und seine Herkunft. Tschetschenien, Sibirien, Moskau – war alles im Gespräch. Kevin meinte, Tschick würde mit seinem Bruder irgendwo hinter Hellersdorf in einem Campingwagen wohnen, und dieser Bruder wäre ein Waffenschieber. Jemand anders wusste, dass er ein Frauenhändler war, und es war die Rede von einer 40-Zimmer-Villa, in der die Russenmafia Orgien feierte, und wieder jemand anders behauptete, Tschick würde in einem dieser Hochhäuser Richtung Müggelsee wohnen. Aber, ehrlich gesagt, das war alles Gewäsch, und das kam nur zustande, weil Tschick selbst mit fast niemandem redete. Und so geriet er langsam wieder in Vergessenheit. Oder jedenfalls so sehr in Vergessenheit, wie man geraten kann, wenn man täglich in demselben schlimmen Hemd und einer billigen Jeans erscheint und auf dem Platz des Klassentrottels sitzt. Die Schuhe aus toten Tieren immerhin wurden irgendwann durch weiße Adidas ersetzt, von denen auch sofort wieder jemand wusste, dass sie frisch geklaut waren. Und vielleicht waren sie auch frisch geklaut. Aber die Zahl der Gerüchte nahm nicht mehr weiter zu. Man erfand nur noch den Spitznamen Tschick, und für alle, denen das zu einfach war, hieß er der Förderschüler, und dann war das Russenthema erst mal durch. Jedenfalls in unserer Klasse.

Vorurteile erleichtern uns das Leben, können es aber auch saumäßig erschweren: Was für den Ersteindruck und die erste Reaktion hilfreich ist, ist in der näheren Betrachtung dann meist eine Hürde und völlig falsch. Vorurteile frontal angehen zu wollen, geht meist nach hinten los: Über einen Diesel zu sagen, er sei keine lahme Ente, bestärkt in erster Linie das Vorurteil.
Ein immer guter Grundsatz: Glaub nicht alles, was du denkst. Eine Distanz zum eigenen Fühlen und Denken macht das Leben zwar nicht einfacher, aber bestimmt reicher.