Wie machen wir uns ein Bild von jemandem? Eine der mühsamsten Möglichkeiten, eine Vorstellung zu bekommen, ist das Sich-Umhören. Ein sprudelnder Quell, gespeist von zahllosen Zuflüssen, kann sich da ergießen. Nicht einfach, zum Kern der Sache zu kommen – manchmal wird sogar ein ganz anderes Thema in den Vordergrund geschwemmt.
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Die jungen Leute heutzutage sagen gar nichts mehr, es sei ihnen zu peinlich, sie schweigen immerfort. Hätten sie früher immerfort geschwiegen, sie hätten nie irgendwen kennengelernt. Beim Kennenlernen gerade komme es doch darauf an, nicht zu schweigen. Ich will doch überhaupt niemanden kennenlernen, wie kommen Sie denn darauf, habe Katja Mohr gesagt. Hör dir das an, habe Frau Berthold zu ihrem Mann gesagt. Sie wolle niemanden kennenlernen. So sei das heutzutage: sie wollen alle und jeden, die Mädchen, aber dann wollen sie plötzlich niemanden kennenlernen. Katja Mohr: Sie sei übrigens kein Mädchen, im übrigen sei das ganze Gerede unangenehmer Blödsinn. Ich finde, habe Frau Mohr zu ihrer Tochter gesagt, du könntest dich etwas höflicher benehmen. Nein, das ist doch gar kein Problem, habe Herr Berthold gesagt, sie müßten entschuldigen … So, da kommen Sie also aus Bensheim. Herr Mohr: Nein, aus Heppenheim. Seine Firma sei in Bensheim, er komme aus Heppenheim. Herr Berthold: Ah ja. Herr Mohr: Kennen Sie Heppenheim? Herr Berthold: Nein, leider. Er sei zwar schon oft daran vorbeigefahren, aber es habe sich leider nie die Zeit finden lassen, er verstehe. Herr Mohr: Heppenheim habe eine schöne Altstadt, teuer saniert, und vor allem ein Rathaus mit Fachwerk, auf einem sehr schönen Platz, die Touristen gingen gern ins Eiscafé neben dem Rathaus, besonders Japaner, die ziehe es ja besonders überall dahin, wo es Fachwerk gebe. Die Japaner kennen offenbar kein Fachwerk und auch keine Weinreben, und deshalb gehen sie nach Deutschland, weil sie dort beides haben. Frau Mohr: Aber Harald, jetzt redest du wirklich Unsinn. Herr Mohr: Aber wieso denn? Es sei doch wirklich alles voller Japaner in diesen Städten mit historischem Stadtkern. Herr Berthold: Und in den nicht sanierten sei alles voller Türken. Herr Mohr: Ja, das auch. In Bensheim gebe es ein Viertel vor dem Bahnhof, das nennten sie immer Anatolien. Aber es sei ganz ungefährlich. Die Türken seien nette Leute. Wohnen allerdings wolle er da nicht. Es sei zu eng. Herr Berthold: Er finde, es habe zwar immer etwas von einem Ghetto, aber natürlich seien die Türken auch eine Bereicherung. Katja Mohr: Hier, sagt mal, von was redet ihr eigentlich? Mohr: Er rede davon, daß es eine Bereicherung sei, wenn es ausländische Mitbürger gebe. Und er meine damit nicht nur das Essen. Er meine überhaupt. Es seien sehr höfliche Leute. Absolut zuvorkommend. Sie haben überhaupt keine Ressentiments. Nirgendwo werde er höflicher bedient als im türkischen Gemüseladen. Katja Mohr: Höflichkeit sei keine Bereicherung, Höflichkeit sei höchstens der Normalzustand. Frau Berthold: Ja, die jungen Leute wüßten heute oftmals gar nichts mehr von Höflichkeit. Neulich hätten drei junge Türken zu ihr auf der Straße gesagt Was willst du deutsche Frau. Das müßten sie sich mal vorstellen! Und in diesem Tonfall, wie die jungen Türken eben sprechen, wenn sie deutsch sprechen, so mehr ein Gebell. Was willst du deutsche Frau. Das sei in Frankfurt gewesen, beim Einkaufen, in Sachsenhausen. Sie sei gleich weggegangen, als die das gesagt haben. Deutsche Frau! Und das in Deutschland! Was solle sie denn sonst sein als eine deutsche Frau! Was hast du denn dagegen, wenn ich einmal ein Glas Sekt trinke. Herrgott, kann man denn nicht einmal tun, was man will. Herr Berthold: Aber es sei doch nun schon das vierte Glas Sekt. Sie: Na und! Sie trinke, soviel sie wolle, und wenn er es genau hören wolle, sie tue es nur, weil er etwas dagegen habe. Er: Wirklich sehr höflich. Und was machen Sie denn bei der Firma Bensheimer Quell, Herr Mohr? Sie sind also als Abteilungsleiter in der Buchführung tätig, ja, das sei interessant. Katja Mohr habe sich nun aus dieser Gruppe gelöst und an den herumstehenden Schossau gewendet. Die Frauen finden alles schön, und die Männer finden alles interessant, habe sie gesagt. Das, habe Schossau gesagt, ist mir auch schon aufgefallen. Das dient dazu, nichts bezeichnen zu müssen. Ja, da haben Sie recht, habe Katja Mohr gesagt und sei an ihm vorbei weiter in die Stube gelaufen. Er könne sich gar nicht vorstellen, habe Munk gesagt, wie dieser Adomeit hier habe leben können. Man lasse die alten Leute allein, und es tue sich bei ihnen nichts mehr. Am Ende seien ganz schnell dreißig, vierzig Jahre vergangen, das sei bei einer Tante von ihm auch so gewesen, in Wörlitz, er erinnere sich genau an die Plastikfolie, mit der das Brett in der Anrichte beklebt war, diese Folie sei zum Schluß über dreißig Jahre alt gewesen, völlig vergilbt, mit so einer Schicht darauf, mit einer Schicht von dreißig Jahren, ganz ekelhaft, und auf dem Brett hätten alle ihre Gläser gestanden. Irgendwann merke man es nicht mehr. Obwohl, sauber und reinlich sei es ja hier. Er sei an den Vorratsschrank getreten. Das sei sogar frisch gewachst. Becker: Adomeit habe sich um seine Möbel gekümmert. Er habe das ganze Holz selbst abgeschliffen. Munk: Warum denn? Wieso hat er das Zeug nicht einfach weggeschmissen? Becker: Adomeit hat seine Gegenstände gemocht. Sie waren ihm wichtig. Er hat sich mit ihnen beschäftigt. Munk, desinteressiert: So. Was gebe es denn eigentlich zu essen? Drüben in der Stube auf dem Tisch, habe der Pfarrer gesagt, sei ein Buffet angerichtet. Na, dann wolle er sich das Buffet doch einmal betrachten gehen, habe Munk gesagt, habe sich ein Bier eingeschenkt und den Raum verlassen. Sehen Sie, Schossau, habe der Pfarrer gesagt, so sei das. Adomeit habe immer gesagt: Ihre Christen sind gar keine Christen. Aber er habe einen zu absoluten Begriff an den Tag gelegt. Wir sind alle missionierte Christen. Irgendwann sind die Missionare hier in den Norden gekommen und haben uns Germanen missioniert, und mehr oder weniger mißlaunig oder begeistert habe der jeweilige Germane den Glauben angenommen, mit mehr oder minder großer Bdeutung für ihn, manchen ist es wohl auch ganz gleich gewesen, man hat es genommen, wie der Mensch so allerlei, was ihm geschehe, eben hinzunehmen pflege. Und in der Tat, Herr Munk denkt hauptsächlich an seine Rehkeule und das Buffet, und er erinnert mich damit tatsächlich wirklich ungemein an so einen alten, etwas mißlaunig missionierten Germanen. Aber es ist nicht unsere Sache, ihm das übelzunehmen. Möglicherweise denkt ja auch er, schau dir mal diesen Pfarrer Becker an, im Grunde hat er das allerbequemste Leben, kennt jede Menge Menschen, futtert sich überall durch, hält hier und da eine Messe, wird bis zu seinem friedlichen Ende von der Kirche versorgt, hat sich um Rente und Lebensversicherungen und Steuererklärungen gar nicht zu sorgen, und alles das wird schon sein gewichtiges Wörtchen mitgeredet haben, als sich der Becker überlegt hat, gehe ich jetzt zur Kirche und werde Priester oder nicht. So steht der missionierte Germane dem Missionar gegenüber und mag sich denken: Auch nur so ein missionierter Germane. Tja. Wir sollen uns eben kein Bild vom anderen machen. Schossau: Hier mache sich aber gerade jeder sein Bild, und vor allem von Adomeit, und daß seine, Beckers, Ansprache heute bildlos gewesen sei, könne er auch nicht behaupten. Becker: Er habe zur Gemeinde gesprochen, das dürfe Schossau nicht vergessen. Schossau: Nein, er habe nicht zur Gemeinde gesprochen, er habe zur Trauergesellschaft gesprochen.
Sich aus subjektiven und persönlich gefärbten Schilderungen und Erklärungen von anderen ein eigenes Bild zu machen, ist nicht einfach. Vertieftes Studium von überprüfbaren Fakten führt nicht selten zu überraschenden Einsichten. Ja: Marktanalysen und -forschungen sind zwar in der Darreichungsform meist sterbenslangweilig, können aber interessante Gedanken und Überlegungen anstoßen. Je besser die Zielgruppe und ihre Erwartungen bekannt sind, desto stichhaltigere und überzeugendere Argumente und Worte können gefunden werden. Lass Dir also zeigen, was bei der Strategie, der Planung oder im Kontakt an Informationen vorhanden ist.