„Erna, der Baum nadelt“ von Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Peter Knorr (1998)

Manche Lebensdramen lösen den dringenden Wunsch nach Beistand im sozialen Umfeld aus. Man sucht den einschätzenden Blick darauf in der Familie, im Treppenhaus, bei einschlägigen Fachleuten etc. Das mag überall gleich aussehen, klingt aber in Frankfurt anders als in Zürich oder Salzburg. Und ist nicht leicht zu Papier zu bringen.

Lesedauer etwa viereinhalb Minuten

SCHORSCH
Erna! 
ERNA
Schorsch? 
SCHORSCH
Erna, de Baum nadelt! 
ERNA
Waas?! Ach des gibt’s doch net. De Baum nadelt? 
SCHORSCH
Wann isch der’s sach! Geh halt emal her und guck der’s aa. 
ERNA
Tatsächlich. Du hast recht, Schorsch, de Baum nadelt. 
SCHORSCH
Isch werd verrückt, isch werd verrückt. Ei, was mache mer dann jetzt? Kinner, seid doch emal still dahinne! Macht die Musik aus, hört uff mit der Spielerei un kommt her. De Baum nadelt. 
KINDER
Guck ema da! Geil, hiä. Na so was. Papa, weißtes schon? De Baum nadelt … 
SCHORSCH
Ja, des sag isch doch die ganz Zeit, jetzt macht misch doch net völlisch verrickt. 
ERNA
Ei, Schorsch, was mache mer dann jetzt? 
SCHORSCH
Des waas isch doch net. Des aanzische, was isch waaß, is, daß de Baum nadelt. 
ERNA
Sollisch emal zum Schmidt nuff? Des is doch en praktischer Mensch … 
SCHORSCH
Ja, mach. Holen oder holen net, mach irschendwas, isch waas es ja selber net was … Kinner, was e Uffreschung, Aber daß der Baum auch grad heute nadle mus 
ERNA (ruft)
Herr Schmidt! Herr Schmidt! 
HERR SCHMIDT
Bitte? Was ist denn los, Frau Breitlinger? 
ERNA
Ach, Herr Schmidt, entschuldische Se die Störung, aber unseren Baum nadelt … 
HERR SCHMIDT
Was sagen Sie da?! Ihr Baum nadelt? Aber das ist doch nicht möglich! Das ist ja … Frau Breitlinger, um Gottes willen …
ERNA
Wann isch’s Ihne doch sag! Der nadelt. Könne Se net emal runner komme un sisch des angucke? 
HERR SCHMIDT
Natürlich. Sofort. – Kommt mal mit runter, Kinder, bei Breitlingers nadelt der Baum.
SCHORSCH
Nabend, Herr Schmidt. Jetzt gucke Se sisch des emal aa. Wie der Baum nadelt! 
HERR SCHMIDT
Ja, ich habe schon gehört, das ist ja unglaublich. Kinder, nun schaut doch mal, wie der Baum nadelt. 
(Klopfen)
SCHORSCH
Herein! 
MANN
Nabend, Frau Breitlinger, ich hab grad im Treppehaus gehört, daß Ihrn Baum nadelt. Dürfe mir mal gucken komme? 
ERNA
Bittesehr, Herr Fenner, komme Se rein. 
MANN
Darf ich vorstelle, mei Frau, die Kinner, die kenne Se ja. Des is mei Schwieschermutter. Die is zu Besuch über die Feiertage, von drübbe. 
SCHORSCH
Angenehm, angenehm. Isch hab aber leider gar kei Zeit, unsern Baum nadelt nämlisch.
RENTNERIN
Dadsächlich. Der Baum nadelt. Also so was! 
ERNA
Ei, was mache mer dann jetzt, Schorsch? 
HERR SCHMIDT
Rufen Sie doch mal den Notdienst an. 
RENTNERIN
Da muß mer nu so alt wern, um so was mal zu erlebn. 
SCHORSCH
Was dann für’n Notdienst? 
ERNA
Isch telefonier schon, Schorsch. 
HERR SCHMIDT
Vom Botanischen Institut. Die müssen doch mit so was Bescheid wissen.
ERNA
Hier Breitlinger … Es is so … daß nämlisch bei uns de Baum nadelt … Wie?… Naa. Wann isch’s Ihne sag: er nadelt! … Ja? Rohrbacherstr. 183 bei Breitlinger … Gut. Des is sehr gut. Schorsch, se komme sofort, hat er gesacht. 
SCHORSCH
Des hat mer selde heutzudach.
HERR SCHMIDT
Na, das ist doch wohl das mindeste in einer solchen Situation.
ERNA
Ei, liebe Zeit, er nadelt ja immä noch. Forschbar! 
(Klopfen)
SCHORSCH
Des is net forschbar, des is phänomenal is des! – Herein!
REPORTER
Häussler vom Tageblatt. Sagen Sie, stimmt das? Bei Ihnen soll der Baum nadeln?
SCHORSCH
Jaa, Komme Se bitte rein. Des is bei uns. 
ERNA
Vom Tageblatt, soso. Bidde, jawoll, des is unser Baum. Der da. Wolle Se e Bild knipse?
SCHORSCH
Kinner, kommt emal her, der Herr will e Foto mache. Wie unsern Baum nadelt.
ERNA
Solle mir aach mit druff?
SCHORSCH
Frau Schmidt, gehe Se bidde mal bissi zur Seide … des is unsern Baum, wo da nadelt. Erna, komm bei misch … 
ERNA
Isses gut so? 
(Klopfen)
SCHORSCH
Wer kommt dann jetzt noch?
ERNA
Ei, de Notdienst vom Botanische Institut. 
PROFESSOR 
Professor Dülmen vom Botanischen Institut. Verzeihen Sie, daß ich einen Teil meiner Studenten mitgebracht habe … aber,
hier soll ein Baum nadeln … bin ich da richtig informiert?
SCHORSCH
Vollkomme rischtisch, Herr Professer. Des is unsern Baum, wo nadelt. Breitlinger, übrigens, mein Name. 
ERNA
Der Herr von der Presse hat’s übrigens auch schon gesehe. 
PROFESSOR
Ja, meine Damen und Herren, dies ist nun ein nadelnder Baum. Ein Naturschauspiel, bei dem ich es für richtig gehalten habe, Sie trotz der späten Stunde hierher zu bitten. Der Vorgang ist folgender …
ERNA
Schorsch, soll ich’s Fernseh aarufe? 
SCHORSCH
Erna, Mädsche, du hast lauder gude Idee. Mach des. Aber unnerbrisch net dauernd de Herr Professer. 
PROFESSOR
Dieser Baum, dessen erstaunliche Fähigkeit zu nadeln uns ja aus der wissenschaftlichen Literatur durchaus bekannt ist … 
ERNA
Hier Breitlinger! Is dort des Fernsehe? Wei nämlisch … es is so … jetzt haldes sisch e ma fest … bei uns nadelt nämlisch de Baum … 
SCHORSCH
Erna! – Las gut sein. Isch glaub, ebe hat er uffgehört. 
ERNA
Wos? Nadelt er nimmeh? 
SCHORSCH
Naa. Uff aamol. 
PROFESSOR
Das ist richtig, meine Damen und Herren. Das Naturschauspiel ist vorüber. Der Baum hat das Nadeln eingestellt. Aber ich bin glücklich, dass wir wenigstens einmal … 
MANN
Na, dann gehe mer doch, wenn’s nicht mehr nadelt.
KINDER
Oooch, de Baum nadelt net mehr! Schaad. Des war e Ding, gell, Papa? 
RENTNERIN
Nu so was. Daß ich das uff meine alten Tage noch erleben durfte … 
PROFESSOR
Auf Wiedersehen und vielen herzlichen Dank. 
SCHORSCH (ruft)
En gude Rutsch allerseits, Erna, des war e Ding, was? 
ERNA
Also so was! Un jetzt guck’en dir e mal aa. Wie er so friedlisch da steht. Wie wann nix gewese wär, de Baum. Un dabei hat er grad ebe noch genadelt. 

Ein beliebtes Ritual in Agenturen ist die Kreation der alljährlichen Weihnachts- oder Grußkarte für den Versand an Kunden und zugewandte Orte. In der Regel wird der Job im Mai auf die Pendenzenliste gesetzt, ein Kreativteam darauf gesetzt und dann ritualhaft und pro forma am wöchentlichen Koordinationsmeeting erwähnt. Effektiv gemacht wird die Karte dann so circa um den 10. Dezember herum, und für den Versand müssen alle, die bei drei nicht auf den Bäumen waren, mithelfen. Praxistipp: Mitgliedschaft im zuständigen Kreativteam vermeiden.