„Traummonade“ (2023) von Leah Neumann

Eine experimentelle Methode literarischen Schreibens ist das automatische Schreiben, das bereits um 1920 von den Surrealisten um André Breton ausgeübt wurde. Hierbei sollen Gefühle, Gedanken, Ideen so unverfälscht wie möglich zu Papier gebracht werden, um das Unbewusste zur Entwicklung der eigenen Kreativität zu nutzen. Auf Anregung der Klasse beim Freitagssalon am 21. April 2023 schickte uns Leah Neumann einen ihrer automatisch geschriebenen Texte, den wir hier vorstellen.

Lesedauer sieben Minuten

Da rennt mir schreiend die Liesel hinterher, kreuzgequert, aufgezerrt hängt ihr Beinfleisch von den Waden. Sie trägt himmelblaue Maschen, ihr Haar fliegt wie eine goldene Korona hinter ihrer wilden Stirn her, unterhalb ihres Brustbeets drückt ein Schwarzes Loch in sie hinein. Schnell hindurch muss ich, sie kriegt mich fast zu fassen – aber da bin ich schon durch die Hundeklappe ihrer Messinglenden, ihren schwarzen Augen zu entfliehen. Ihre Absätze eilen mir hinterher wie Paragraphenschreiben, ein achterndes Tackern und Klicken wie von Schreibmaschinen, Uhren, Öfen, Radios und Kameras: alles in einen Topf geworfen! Runddrehend wie das Treppenhaus zum Hirn hinauf, so zwingt sie mich.

Heute Morgen haben sie mir die Hände verbunden, als ich endlich hinwollte zu ihr, ich hab sie zusammengeschrien. Schnellen Schrittes über Felder, Wälder, bis zum Rand der Wellen musste ich wegrennen, als sie wegschauten zum Blumengießen. Hier am Meer ist die Luft so rein, kein Staubfächer kann meinen Namen schreiben, hier kann ich nicht schmutzig werden.

Schon als Kind hab ich gefragt, wieso man echte Buchstaben nicht essen kann, jedes Mal schlug ich ein Buch auf und es duftete so warm und trocken, wie ein Mutterkuchen in der Mittagshitze riechen muss. Letzte Lebenszeichen zum Verdörren verdammt oder auch zum Aufgegessenwerden. Buchstabensuppe. Doch schon da konnten sie nicht meinen Hunger stillen, K war weich wie N und L für mich, wie Liesel jetzt ist. Neue weiche Wände um mich, und in mir der alte Drang, Worte zu umarmen, aufzufassen. Meinen Hunger endlich wegstillen zu lassen. Mit dem Löffelrand die Wortschätze umarmen, die schon nach mir oben rufen.

Liesel steht auf dem Balkon und schreit. Doch die Zeit in ihr scheint stillzustehen, kann kaum Worte aufreihen wie Perlen – ich hab ihre Candyuhr gefressen, keine Stunde her. 5 vor 12 im Säurebad behoben, Zunge gezeigt, schau, die Zeiger schmecken schön!

Ein Doktor holt mich am untersten Sockel ab, geleitet mich am Arm so heftig, dass ein Herde Pferdeküsse wechselseitig in die Beinkleider marschiert. Ich erkenne ein Reihenkino, und da ist eine Kabine ganz links vorn, auf der steht in roten Glühbirnen geschrieben: RAUSCHOHR. Hier wird er mich vorführen.

„Rein da!“ Eine Toilette mit vier Schüsseln, der Doktor packt behutsam den Glasdeckel, stützt ihn leise auf und platziert mich grob. Er wühlt in meinen Rocktaschen und zu meinem Erstaunen greift er wirklich viel, es klimpert und wimmert ordentlich zu meiner Verlegenheit. Denn er fragt nach dem Grund dieser Dinge, hält mir eine fellüberzogene Wärmflasche ins Gesicht, fragt, „WAS IST DAS?“

Langsam streichel ich den Faserflaum, der Doktor wühlt und wühlt nur weiter. Während ich Kuppe für Kuppe in den Plüsch fahr, umzüngelt mich sein Riffeldrehverschluss. „Pelzig“, stoße ich mein erstes Wort aus.

Der Doktor schaut nach mir mit seinem Stethoskop, hält sichs als Ausrufzeichenpunkt auf die Stirnporen, voll Muffensausen seine Brauen hochzujagen.

Der Vorhang schiebt sich auf, in ihm perlt noch Regen der letzten Tage. Während er über den Boden weiterzieht, macht er Geräusche wie das Meer vom Boot durchzogen.

„Fuck“, sagt der Doc.

„Easy“, versuch ich ihn zu beruhigen.

Aber nach dem ersten verhallenden Glockenschlag der Leinwand zuckt er zusammen. Er eilt sich, wühlt so tief, dass er sich im Schoß stützen muss. Ich habe mich inzwischen hingesetzt, und schaue ruhig dem Film zu. Der Doc holt eine Karotte raus und teilt sie, legt in das harte Fruchtfleisch eine Tablette und hält sie mir hin. „Alle zwei Tage: Sechs Hälften – drei Tabletten, für den Darmverschluss mehr Calcium, oder nein, mehr Celsius – der Arsch muss ersticken, der Arsch muss – vier Gläser Wasser danach – Magenschutz – acht hinterher, Tee geht auch, bloß kein Kaffee, nichts, das wach macht, nichts das wach macht.“ Jetzt nur noch die Nähte am Ende des Saums in die Hand, murmelt er, während er sie überprüft. Dann ist er fort. 

Im Film fährt ein weißer Zug mit flirrenden Fahnen, zeitig, wirr-wahr, seine Bimmelglocke scheint aus meinem Hals zu klingen. Als hätte sich ein kompliziertes Fadensystem durch meine Gedärme hochgeschlichen, wickeln Kabel meine Stimmbänder in Schlingen. Gläsern glänzend zieht das Lieselchen mich Saugnapf an.

Und voilà: Mein Hals fühlt sich an wie ein Webstuhl, stellt Fäden her zum Verlieren. Ich versuche was zu sagen, aber alles klingt wie ein Kirchturm. Werden den einmal die Früchte der Sehnsucht tragen? Die Kerze neben mir, ein Zartes, wächst und wächst mir die Arme zu. Eine Handschelle nach der anderen, meine Augen tun weh, denn der Zug fährt auf einen Schrankenübergang zu. Das Tönen wird lauter, und da es mir direkt in der Kehle steckt, rührt mich die Schwingung zu Freudentränen, aber eigentlich ist mir nur zum Heulen. Ich fühle mich wie mein eigenes Grab, das die Last der Blumen über mir erdrückt.

Jetzt kotze ich Blut, wo der Zug mich durchquert, die Schranken blieben offen, man überfuhr einen kleinen Jungen im Bild, einen Blick auf seine Leiche kann ich leider nicht werfen, da ich mich vornüber buckel, um meine Innereien loszuwerden. Schade, dabei geht nichts über das talgige Talgrau in den Augen einer schönen Leiche. Die Blässe, die sich durch jedes Körperchen durchzieht dann, weil die Sonne ganz das Braten lässt. 

Die Leute fangen an sich zu räuspern, schauen missbilligend in Richtung Kabine (– zum Glück ist der Vorhang dicht), einige stehen auf, halten sich die Ohren beim Gehen zu. In meinem Kopf nur noch Tinnitus. Ich spucke im Ende noch ein pfeifendes Mundstück aus, alle sind weg. Die Vorstellung ist vorbei.

Aus dem Blutbad kämpfend will ich zur Wendeltreppe, aber die hat sich schon längst wieder nach oben verpisst. Kacke. Sehe noch die Peripherie Liesels, und jetzt scheint es aus dem Loch, Liesel steckt ihren Daumen kurz rein, schüttelt ihn neckisch und geht wieder. Ich breche auf dem nächsten Stuhl zusammen und schlafe.

Wache auf in einem Schwimmbecken, vier mal nebenher Fliesen hochgezogen, zwei Diagonalen im X, ich in der Mitte, genau wie der Abfluss. Aber das Wasser steht noch über meinem Kopf, es juckt mich irre in den Augen. Chlor? Von oben höre ich sie wieder singen, is klar. Am Beckengrand gluckert so etwas wie die Silhouette vom Doc, dem Liesel eindringlich etwas ins Ohr flüstert. Als gäbe sie ihm eine Zange, greift solche durch das Wasserbecken auf meinen Kopf zu, zieht ihn vom Rumpf und steigt mit ihm nach oben.

Noch bevor sie den Apfellappen hochschieben können, denn ich halte die Augen fest geschlossen, wittert die Haut das Beben, riecht die Nase den Wind und bläst ihn zu den Ohren wieder hinaus. Um jeden Strahlenschlag legt sich also eine Blechgitterung, strudelt und strandet, macht Hügel auf zu Bergen, die Trockenheit zieht letztliche Traummonade, bis hin zur Steingerinnung, aus.

„Sehr gut … stillhalten jetzt! Einen Moment, Schwester bringen sie mir einen Ofenschuh!“ Der Doc redet, mir dröhnt der Kopf, irgendwas zieht an meinen Lidern. Der Doc hackt mit einer kleinen Sichel den Schlafsand: „Das hätten wir gleich!“

Mir will sich drehen, doch die Wimpern verkleben noch in verwunschener Schlafstarre, im Kopf löst sich das Farbrauschen in einem stickigen Schwarz, das jede Luft vertreibt. Ich spüre meine Lungenflügel wie Schmetterlinge flackern, und die Bläschen brodeln auf der Wasserplane, als wären es Herbstblätter – Euthanasieemphase: Not-Atmen, das Innen hängt am letzten Zug und mit der Sekundenstille sucht mich die Starrende heim.

Unter Atemnot in Brand versetzt, renn ich bis in diese Berge, darunter scherben sich die Steine, dass kein Barfüßiger, der blutleer oben angekommen. Und die Luft bleibt: weg mit mir! Ein Aus im Ende. Von weitem mouilliert der Moschusvogel. Ich weiß die Meere, weiß die Strände, weiß die Berge und die Wände. Die Täler und die Zähler der Burgbauruinen, die Stadtbahnfahrer und die Aufzugseiler, die, die den Draht drehen, und die, die ihn formen. So bisschen weiß ich mich dabei; im Nabeln fängt es an … dünn, rehbeinig, gebrechlich, die Zunge hängt immer im Wind. Ein Schweben den Vögeln entgegen schwingt mein Anderes, hauchend, wie ein Schwall, ein Schwarm in die Weite. Wo kein Blitz ableitet, kein Strom nur in den Wolken döst.  

„Sooo!“, sagt der Doc. Jetzt öffnen sie mir die Augen. Es blendet und mir lacht es spitz. In seiner Hand hält er Saphire, sie funkeln wie die Seinen. Die schönsten Lecksteine der Welt.

Liesel steht da, starr, versteht nichts mehr, die Ohren fiepsen, „Hörsturz“, wird der Arzt sagen, und auch das wird sie nicht verstehen.

Dieser Text entzieht sich einer Kommentierung aus Sicht des Agenturalltags (außer vielleicht, dass er streckenweise an interne Sitzungen erinnern mag). Deshalb ein Hinweis: Die Dadaisten gingen noch einen Schritt weiter und lösten sich auch von Worten. Hier ein Link zu einem Gedicht von Hugo Ball.

Fachsprache kann sich auch ganz schön dadaistisch anhören, vor allem wenn sie schlecht geschrieben ist. Hier zum Beispiel scheitert ein Prof. Dr. Dr. hc. mult.