„Dienstag“ aus „Als ich in meinem Alter war“ und „Der Aufsatz“ aus „Der David ist dem Goliath sein Tod“ von Torsten Sträter (2016 und 2011)

Wir alle lachen gern. Oft übersehen wir jedoch die Komik, die der Alltag gelegentlich bereithält. Aber es gibt Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, uns darauf aufmerksam zu machen. Sie wählen dazu sehr verschiedene Methoden. Wie sich Torsten Sträter dafür ins Zeug legt, stellte uns Tobias Hertel beim Freitagssalon am 24. Februar 2023 vor.

Lesedauer zehn Minuten

DIENSTAG

8:00 Uhr.
Der Tag türmt sich auf. Kaffee.

8:02 Uhr.
Filtertüten sind alle. Ein Weiterleben scheint undenkbar. Lösungen müssen her.

8:32 Uhr
Wenn man Kaffee ohne Filtertüte aufbrüht, ist er wesentlich würziger. Dafür hat er die Konsistenz von Torf. Erspart mir immerhin das Müsli. Bin ich ohnehin von ab. Denn wir müssen uns ja fragen: Warum wurde Gustl Mollath jahrelang in der Klapse festgehalten, während der SEITENBACHER-MANN auf freiem Fuß ist? Ich habe Furcht vor ihm. Mythen kursieren über den Seitenbacher-Mann. Man sagt, jeden Löffel SEITENBACHER-MÜSLI, den wir essen, hatte er schon mal im Mund. Man sagt auch: Wenn man um Mitternacht vorm Spiegel dreimal seinen Namen ausspricht, stirbt in Koblenz eine Nonne an Verstopfung. Das ist natürlich Kokolores, aber trotzdem: Diese persönlich von Seitenbacher gebellten Radiospots sind ganz, ganz schlimm, und ich finde, ernährungsbedingt gut kacken zu können, darf nicht die Entschuldigung für alles sein.

8:47 Uhr
Es klingelt. Mein Nachbar. Er ist Polizist, echt nett und ein Familienmensch. Seine Oma wohnt bei ihm im Obergeschoss. Ein Mehrgenerationenhaus. Immer ist jemand daheim. Deswegen werden da auch immer meine Pakete abgegeben. Früher kam der Paketbote zu mir, aber 2009 öffnete ich mal nackt die Haustür und rief, weil mir müdigkeitsbedingt die Formulierung GUTEN MORGEN entfallen war, KIKERIKI. Und ein Mann, der mit baumelndem Pillemann kräht, ist nun mal nicht des Boten erste Wahl. Also geht das Zeug seitdem nach nebenan, und mein Freund, der Polizist, bringt es rüber. Täglich. Ich bestelle aber auch nur Sachen, die ich ganz dringend brauche.
Ich nehme ihm das riesige Paket ab. Es enthält zum einen den Motivkalender BROT 2015, mit sehr beruhigenden Fotos von Broten, zum anderen einen Hochdruckreiniger.
„Torsten“, sagt mein Nachbar. „Ich hab die Schnauze voll von dem Scheiß hier. Dein Leben hat keine Struktur. Du konsumierst nur. Kaufst du so viel Zeug, weil du einsam bist?“
„Ich bin nicht einsam. Du besuchst mich ja täglich.“ „Alter! Hol dir ein Haustier. Oder geh mal ins Theater! Und hör auf, irgendwelchen Mist zu bestellen.“

9:12 Uhr
Der Hochdruckreiniger ist aufgebaut. Wie lange dauerte es bisher täglich, sich mit einem Lappen das Gesicht zu waschen? Ab jetzt wird Zeit gespart. Ich schäume mich mit einer milden Seife ein und richte dann den Wasserfächer des Hochdruckreinigers auf mein Gesicht.

9:13 Uhr
Erste Eindrücke:
1. Mein Gesicht ist sehr sauber.
2. Die Wand hinter mir hat keine Tapete mehr.
3. Die Reinigung kann man als unangenehm beschreiben.
4. Man wirkt irgendwie unvollständig ohne Augenbrauen.

9:22 Uhr
Ich muss an die Luft. Da ist was an meiner Autotür. Eine Visitenkarte. Sie ist enorm bunt.
WIR KAUFEN IHR AUTO-HEUTE-MORGEN- JEDERZEIT-ANRUF GENÜGT-WIR ZAHLEN BAR!
Darunter eine Handynummer. Ja sicher, denke ich, denen verkaufe ich meinen Wagen. Wer für eine Pappkarte alle Farbpatronen leer knallt, ist ein großzügiger Charakter. Da rufe ich sofort an. Nach dem achten Klingeln höre ich eine übelgelaunte Stimme: „Wasis?“
„Morgen. Ist da die Kfz-Hütte, die nachts Deppen losschickt, um widerrechtlich ihre Harlekin-Botschaften an andererleuts Autos zu klemmen?“
Man hört den Typen denken. Dann sagt er: „Nee. Nee. Wir kaufen und verkaufen … nur … andere Sachen.“ „Aha. Was denn so?“
„Alles.“
„Alles?“
„Ja. Alles.“
Mir fällt ein, was mein Nachbar sagte: Besorg dir ein Haustier.
„Sagen Sie“, frage ich, „verticken Sie auch Reptilien?“

11:49 Uhr
Wissen Sie, wie lange eine Spülmaschine benötigt, um Ihr Geschirr sauber zu kriegen? Lange. Wenn Sie allerdings einen Hochdruckreiniger besitzen, schrumpft diese Zeit auf ein Minimum. Folgerichtig verteile ich Löffel, Gabel, Messer und Teller auf der Wiese im Garten. Ich betröpfele alles mit Spüli. Dann stelle ich den Hochdruckreiniger auf MAXIMUM.
Schwer zu beschreiben, was dann geschieht. Es ist wie Magie. Nur in hart.

13:44 Uhr
Es klingelt. Ich blicke durch den Spion. Ein fremder Herr. Er hält einen großen Karton in den Händen, und dieser Karton bewegt sich. Ah, meine Bestellung beim Visitenkartenmann. Ich verhalte mich still. Schließlich klingelt er beim Nachbarn. Der scheint das Paket nicht annehmen zu wollen. Dann platzt die Pappe auf. Für’s Protokoll: Ein Krokodil erscheint. Es gleitet blitzartig aus dem Karton und ins Haus meines Nachbarn.
Nach knapp acht Sekunden findet die Evakuierung statt. Ich gehe interessiert vor die Tür. Auf der Wiese erscheinen panisch: der Polizist, die Großmutter, dahinter das Krokodil. Eine Erinnerung aus meiner Kindheit entsteht vor meinem geistigen Auge. Ich rufe sehr laut: Tri-tra-trullala! Mein Nachbar eröffnet das Feuer, alles geht in Deckung, ich suche Feuerschutz in meinem Wagen. Betätige die Zündung, das Radio geht zeitgleich an. Großmutter, Polizist und Krokodil bewegen sich zügig auf mich zu. Im Radio sagt der Moderator:
„Ein Warnhinweis. Vorsicht auf der A2 Höhe Dortmund. Da liegt Besteck auf der Fahrbahn.“
Dann kommt die Seitenbacher-Werbung. Alle weichen wie vom Donner gerührt zurück. Sogar das Krokodil.

17:22 Uhr
Ich sehe sporadisch aus dem Fenster. Ich glaub, mein Nachbar hat Gesprächsbedarf. Allein, mir fehlt die Zeit. Vor meiner Haustür faucht das Krokodil, und ich muss es alle paar Minuten mit dem Hochdruckreiniger befeuchten. Durch den Briefschlitz. Ist ja saugefährlich. Na ja … Das mit dem Haustier hab ich immerhin versucht, und im Theater war ich ja im Prinzip auch. Kurz.

Alles in allem ein völlig normaler Dienstag also. Jedenfalls kein Vergleich zu meinen Freitagen. Die sind gelegentlich echt ein bisschen seltsam. Aber das erzähl ich euch beim nächsten Mal.

Der Aufsatz

Früher, als ich jung war, hatten meine Freunde und ich prima Hobbys: ATARI spielen beispielsweise. Die erste Spielekonsole. Wir verbrachten ganze Wochenenden damit, vor dem Fernseher zu sitzen und Spiele zu zocken, in denen ein weißer Klotz einen weißen Klotz auf einen anderen weißen Klotz abschießt. Grafisch war das Ding nix.

Dann erschien ein Spiel, das so bahnbrechend daherkam wie jüngst die cineastische Dschungel-Schlumpf-Öko-Operette AVATAR: und zwar FROGGER.

Was für ein Bildersturm. Da ging man kaputt dran. Dass so etwas technisch möglich war. Man musste einen aus sechs grünen Klötzen bestehenden Frosch über eine rege befahrene Straße lotsen. Heutzutage sind wir, wie gesagt, optisch recht verwöhnt, AVATAR in 3-D, in 2-D oder, falls man stattdessen im Zoo war, in 0-D, Avatar als Comic, Computerspiel, Wurst mit Gesicht und Daumenkino. Damals jedoch: Frosch.

So hockten wir da und froggerten uns einen. Das waren Zeiten. Sie glänzten wie Gold.

Später dann verblasste der Hunger nach Computerspielen.

Plötzlich fanden wir auch Sex gut.

Ärgerlicherweise brachte ich Sex stets in etwa 30 Sekunden hinter mich, konnte aber weiterhin stundenlang Frogger spielen. Heute ist es genau andersrum – was aber nix nützt, denn für eine Atari Konsole hat mein Fernseher keine passenden Anschlüsse, und für meinen Penis sieht’s nicht besser aus.

Da stand man nun, Anfang der Achtziger, in der Blüte seiner Jahre, und wusste nichts mit sich anzufangen. Was tun?

Uwe, Andy, Achim Zander und ich gründeten eine Band. Die genaue Musikrichtung war nicht so klar herauszumeißeln, weil ich nicht singen konnte, Uwe nicht konnte und nicht wollte, Andy unbedingt den Synthesizer zu spielen gedachte und Achim zwar offizielles Mitglied war, aber nicht rausdurfte. Auch stand kein Name fest: Ich plädierte für DONT TELL ME ONE FROM THE HORSE, aber so weit kamen wir nicht, denn:

Die damalige Vorgehensweise, außerhalb der Schule mit Zander zu kommunizieren, war üblicherweise, zum Mehrparteienhaus zu marschieren, in dem Achim mit seinen Eltern wohnte, zu klingeln, dann zu warten, bis einem aufgedrückt wurde – und anschließend durchs Treppenhaus zu brüllen:
„KOMMT DER ACHIM RAUS?“
Achims Mutter schrie dann von oben herab durch den Flur:
„HABT IHR MAL GESEHEN, WAS DER WOHL AN HAUSAUFGABEN AUFHAT?“

Jou, dachte ich, das Gleiche wie wir: neun Seiten Physik, acht Blöcke Bruchrechnen und ’n Aufsatz. Mach ich morgen früh im Bus.
Trotzdem schrie ich: „NEEE!„
„Neun Seiten Physik, acht Blöcke Bruchrechnen und ’n Aufsatz!“
„ECHT?“
„JAU!“
„Okay. Tschüss.“

Wir verließen das Treppenhaus und standen unschlüssig draußen. Andy stellte klar, dass wir Achim ungeachtet der Tatsache, dass er ja mal gar nix konnte und in der Band nur wie ein starrer Hanswurst herumstehe, trotzdem unbedingt brauchten. Es ging nicht ohne ihn. Wir wussten nicht, warum, aber wir wussten, dass das stimmte.
Also klingelte diesmal Andy.
Es wurde aufgedrückt.
Wir hörten Achims Mutter.
„WAT IS?“
„KOMMT DER ACHIM RAUS?“
„NEE! DAS HAB ICH DEM TORSTEN SCHON GESAGT, DASS DER HAUSAUFGABEN AUFHAT, UND NICHT ZU KNAPP!“
„Echt?“
„UND OB! NEUN SEITEN PHYSIK, ACHT BLÖCKE BRUCHRECHNEN UND ‚N AUFSATZ!“
„Boah“, rief Andy.
„Was boah?“
„Nix. Tschüss.“

Andy kam raus. „Sieht scheiße aus“, sagte er.
„Weil ihr doof seid“, sagte Uwe. „Nicht überzeugend genug. Passt auf.“

Hui, dachte ich, aber stimmt schon: Wenn das einer schaffte, dann ja wohl Uwe. Er bekam das meiste Taschengeld, hatte eine Gürtelschnalle, die zwei Kilo wog und einen verzinkten Adler mit ausgebreiteten Schwingen zeigte, und er hatte zwei hässliche Löcher im Bauch, die einfach nicht zuheilten, weil diese Schwingen ziemlich spitz waren. Außerdem sammelte und las er exzessiv Comics, vorzugsweise X-MEN und die FANTASTISCHEN VIER, weswegen er, wenn er auf dem Schulhof blöd angemacht wurde, auch nicht mit „Ey, pass bloß auf, du Arsch“ konterte, sondern Formulierungen fabrizierte wie: „Nun werde ich dich zerquetschen, Unhold!“

Uwe klingelte. Er war völlig ruhig.

Das sah man, weil das Glöckchen an seiner Palomino-Jeans nicht bimmelte. Teufelskerl.
Die Tür wurde aufgedrückt.
Augenblicklich kam von oben:
„WER KLINGELT HIER DAUERND, VERDAMMTE SCHEISSE?“ Uwe blähte die Backen auf, streckte den Rücken durch und schrie ohrenbetäubend:
„KOMMT DER ZANDER RAUS?“
Das war vielleicht ein bisschen leger formuliert, dachte ich.
Drei Sekunden Stille.
Dann hörten wir: „UND OB!“
Den schweren Schritten nach, die da aus dem vierten Stock zu uns runterpolterten, fühlte sich Achims Vater angesprochen. Das war irgendwie nett, wenn man bedachte, dass er Nachtschicht gehabt hatte.
Uwe wurde ziemlich fahl. Aber Rückzug war keine Option. Andy murmelte absolut entspannt, fast meditativ: „Ich glaub, ich piss mir in die Hose.“
Dann war Rübezahl unten angekommen. Er ergriff Uwe am T-Shirt: „WISST IHR KLEINEN ÄRSCHE, WAS NACHTSCHICHT BEDEUTET? WISST IHR, WAS DAS HEISST? SCHLAF?“
Uwe sagte: „Kommt der Achim raus?“
„GLEICH HAT DER ARSCH KIRMES!“
„Der Achim“, hakte Uwe nach, „kommt der raus?“
Eine Stimme von oben: „DER HAT NEUN SEITEN PHYSIK, ACHT BLÖCKE BRUCHRECHNEN UND ‚N AUFSATZ AUF!“
„Echt?“
„Jou!“
„Kann der sich bei dem Gebrülle überhaupt konzentrieren? “

„JETZT KLATSCH ICH DIR ‚N PAAR!“, dröhnte Achims Vater. Uwe erwiderte: „Dafür zahlst du einen hohen Preis, Narr.“ Superman, dachte ich, als Uwe zu fliegen anfing, dann Spiderman, als er gegen die Postkästen klatschte, aber er blieb nicht kleben, also passte das auch nicht.

Doch Uwe sollte Recht behalten. Ein Nachbar rief die Polizei, eine Anzeige wurde gefertigt, eine Einigung erzielt und der Narr zahlte einen hohen Preis, zumindest genug für eine Wandergitarre.
Die konnte zwar keiner spielen, und aus der Band wurde nichts, weil wir kompositorisch nicht die angestrebte Symbiose aus ABBA und KISS hinkriegten oder, präzise gesagt, überhaupt irgendwas, und auch Andys Vorschlag, so oft zu klingeln, bis wir ein Saxofon zusammenhatten, wurde abgelehnt, aber unterm Strich war’s keine üble Ausbeute, da hatten wir alle was davon: Achim neun Seiten Physik, Uwe ’n Bruch und ich ’n Aufsatz.

Der obige Beitrag zeigt eindrücklich einige Kernelemente einer erfolgreichen Strategie auf:
– detaillierte Kenntnis des Gegners
– minimaler Ressourceneinsatz
– die Kraft der Wiederholung
– ein abgeschätzter, eingepreister und begrenzter möglicher Schaden
– maximaler Ertrag
Da hätte auch Sunzi seine helle Freude dran gehabt.

Hier ein ebenso eindrückliches Beispiel einer unbeabsichtigt eskalierenden Abendunterhaltung. Und das wegen einer harmlosen Kinderfrage: Wo kommen eigentlich die Löcher im Käse her?