„Die Therapie“ von Sebastian Fitzek (2006)

Hartnäckigkeit kann lästig sein, aufdringlich wirken. Im folgenden Textausschnitt allerdings führt sie zum ersten Erfolg einer Fremden, die den Psychiater Dr. Larenz an seinem Rückzugsort aufsucht. Ihr rätselhaftes Auftreten sorgt dafür, dass seine Neugier stärker wird als der Widerstand, sie einzulassen. Vanessa Wulf machte uns mit diesem Text beim Freitagssalon am 27. Januar 2023 bekannt.

Lesedauer acht Minuten

Viktor schlich langsam durch den Flur in Richtung Kaminzimmer und suchte dabei nach geeigneten Geräten für seine mögliche Verteidigung.
Sindbad war ihm im Notfall keine Hilfe. Der Retriever liebte Menschen so sehr, dass er einen Einbrecher wahrscheinlich zum Spielen auffordern würde, anstatt ihn zu verjagen. Und im Moment war der Hund sogar so faul, dass er von dieser Störung gar keine Notiz nahm und offenbar ins Wohnzimmer zurückgetrottet war, während sein Herrchen draußen nach dem Rechten gesehen hatte.
„Wer ist da?“
Keine Antwort.
Viktor rief sich ins Gedächtnis, dass es seit 1964 kein Verbrechen mehr auf der Insel gegeben hatte, und der aktenkundige Vorgang von damals war auch nur eine harmlose Wirtshausschlägerei gewesen. Allerdings beruhigten ihn diese Fakten jetzt nur wenig.
„Hallo? Ist da wer?“
Er schlich mit angehaltenem Atem so vorsichtig wie möglich die Diele entlang zurück zum Kaminzimmer. Obwohl er sich bemühte, möglichst geräuschlos zu sein, ächzte das altersschwache Parkett bei jeder Gewichtsverlagerung. Die Ledersohlen seiner Budapester taten ihr Übriges.
Warum schleiche ich eigentlich, wenn ich gleichzeitig laut rufe?, fragte er sich. Seine Hand hatte fast die Klinke der Tür zum Wohnzimmer erreicht, als diese plötzlich nach innen aufgezogen wurde. Viktor war so paralysiert, dass er vor Schreck vergaß aufzuschreien.

Er wusste nicht, ob er erleichtert oder wütend sein sollte, als er sie sah. Erleichtert darüber, dass der Eindringling eine hübsche, zierliche Frau war und kein grobschlächtiger Schläger. Oder wütend darüber, dass sie es wagte, am helllichten Tage Hausfriedensbruch zu begehen.
„Wie sind Sie hier reingekommen?“, fragte er laut. Die blonde Frau auf der Schwelle zwischen Kaminzimmer und Flur schien weder verlegen noch verunsichert.
„Die Tür zum Strand stand offen, als ich von außen geklopft habe. Es tut mir Leid, wenn ich Sie störe.“
„Stören?“
Viktor war aus dem lähmenden Zustand der Angst erwacht und musste sich Luft machen, indem er die Unbekannte anfuhr.
„Sie stören nicht, nein, Sie haben mich zu Tode erschreckt!“
„Das tut mir …“
„Und Sie lügen auch“, schnitt Viktor ihr das Wort ab und drängte an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Ich habe die Hintertür seit meiner Ankunft nicht geöffnet.“
Zwar habe ich sie auch nicht kontrolliert, aber diese Information brauchst du ja nicht zu wissen, dachte Viktor, während er sich vor den Schreibtisch stellte und seinen ungebetenen Gast musterte. Irgendetwas an ihr kam ihm bekannt vor, obwohl er sich sicher war, sie noch nie zuvor persönlich getroffen zu haben. Sie war etwa einen Meter fünfundsechzig groß, hatte schulterlange, blonde Haare, die sie zum Zopf gebunden trug, und sie war schrecklich dünn. Trotz ihres Untergewichts erschien sie jedoch keinesfalls androgyn, was schon ihre ausladenden Hüften und die wohlgeformten Brüste verhinderten, die sich unter ihrer Kleidung abzeichneten. Mit ihrer vornehm blassen Haut und den schneeweißen Zähnen sah sie eher aus wie ein Fotomodell. Jedoch war sie dafür nicht groß genug. Viktor hätte sonst vermutet, dass sie sich auf der Insel verlaufen hatte und ihn gleich nach dem Weg zum Strand fragen würde, wo sie in einem TV-Werbespot mitspielen wollte.
„Ich lüge nicht, Dr. Larenz. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht ein einziges Mal gelogen, und ich werde in Ihrem Haus nicht damit beginnen.“
Viktor fuhr sich durch die Haare und ordnete seine Gedanken. Die Situation war völlig absurd. Erlebte er gerade tatsächlich, dass eine Frau bei ihm einbrach, ihn zu Tode erschreckte und dann auch noch eine Diskussion mit ihm anfangen wollte?
„Hören Sie, wer immer Sie auch sind: Ich fordere Sie eindringlich auf, sofort und auf der Stelle mein Haus zu verlassen! Ich meine …“
Viktor musterte die Fremde erneut.
„… wer sind Sie denn überhaupt?“
Ihm fiel auf, dass er ihr Alter nicht schätzen konnte. Sie wirkte sehr jung, und ihre makellosen Gesichtszüge ließen auf Mitte zwanzig schließen. Ihre Kleidung hingegen entsprach der einer reiferen Frau.
Sie trug einen schwarzen, knielangen Cashmere-Mantel, darunter ein pinkfarbenes Chanel-Kostüm. Schwarze Glaceehandschuhe, eine Designerhandtasche und vor allem ihr Parfum deuteten eher auf eine Frau in Isabells Alter hin. Ebenso sprach auch ihre gewählte Ausdrucksweise dafür, dass sie die Dreißig bereits überschritten hatte.
Und sie muss taub sein, dachte Viktor. Denn von seinen Worten völlig ungerührt, blieb sie stumm in der Tür stehen und musterte ihn von dort aus.
„Okay. Ist ja auch egal. Sie haben mir einen großen Schreck eingejagt, und ich bitte Sie jetzt, die Vordertür zu benutzen und mein Haus nie wieder zu betreten. Ich arbeite hier und will nicht gestört werden.“
Viktor zuckte zusammen, als sich die Frau auf einmal mit zwei raschen Schritten auf ihn zu bewegte.
„Wollen Sie denn gar nicht wissen, was ich will, Dr. Larenz? Wollen Sie mich wegschicken, ohne den Grund meines Besuches zu kennen?“
„Ja.“
„Wollen Sie denn nicht wissen, was eine Frau wie mich veranlasst, Sie auf dieser gottverlassenen Insel aufzusuchen?“
„Nein.“
Oder doch?
Viktor merkte, wie sich leise eine längst verloren geglaubte innere Stimme in ihm meldete. Neugier.
„Es ist Ihnen also egal, woher ich überhaupt weiß, dass Sie hier sind?“
„Ja.“
„Das glaube ich nicht, Dr. Larenz. Vertrauen Sie mir. Das, was ich zu sagen habe, wird Sie sehr interessieren.«
„Vertrauen? Ich soll jemandem, der bei mir einbricht, vertrauen?“
„Nein. Sie sollen mir zuhören. Mein Fall ist …“
„Ihr Fall ist mir egal“, unterbrach Larenz sie rüde. „Wenn Sie wissen, was mir zugestoßen ist, dann wissen Sie auch, dass es eine Frechheit ist, mich hier zu stören.“
„Ich habe keine Ahnung, was Ihnen widerfahren ist, Dr. Larenz.“
„Wie bitte?“ Viktor wusste nicht, worüber er mehr erstaunt sein sollte. Darüber, dass er mit einer Wildfremden diskutierte oder dass ihre Worte so ehrlich klangen.
„Dann haben Sie in den letzten vier Jahren keine Zeitung gelesen?“
„Nein“, antwortete sie schlicht.
Viktors Verwirrung wuchs von Sekunde zu Sekunde. Und gleichzeitig stieg sein Interesse an der merkwürdigen Schönheit.
„Nun, wie dem auch sei. Ich praktiziere nicht mehr. Ich habe vor zwei Jahren meine Praxis verkauft …“
„… an Professor van Druisen. Ich weiß. Bei ihm war ich schon. Er hat mich zu Ihnen geschickt.“
„Er hat was?“ fragte Viktor perplex. Jetzt war sein Interesse noch stärker geweckt.
„Na ja, nicht direkt geschickt. Professor van Druisen hat nur gesagt, es wäre wohl besser, wenn Sie sich persönlich meines Falles annehmen würden. Und ehrlich gesagt, ist das auch mein Wunsch.“
Viktor schüttelte den Kopf. Sein alter Mentor sollte einer neuen Patientin tatsächlich die Adresse auf der Insel gegeben haben? Er konnte es nicht glauben. Zumal van Druisen doch wusste, dass er nicht mehr in der Lage war zu praktizieren. Schon gar nicht hier auf Parkum. Doch das würde er später klären. Jetzt musste er erst einmal sehen, dass er diese Person loswurde, um wieder zur Ruhe zu kommen.
„Ich muss Sie nochmals nachdrücklich bitten zu gehen. Sie verschwenden nur Ihre Zeit.“
Keine Reaktion.
Viktor spürte, wie sich seine anfängliche Angst nach und nach in Erschöpfung verwandelte. Er ahnte, dass jetzt genau das eingetreten war, wovor er sich am meisten gefürchtet hatte: Er würde es auch hier nicht schaffen, zu sich selbst zu finden. Die Geister ließen ihn auch auf Parkum nicht in Frieden. Weder die der Toten noch die der Lebenden.
„Dr. Larenz. Ich weiß, dass Sie hier auf keinen Fall gestört werden wollen. Ein gewisser Patrick Halberstroem hat mich heute Morgen übergesetzt und über Sie informiert, noch bevor ich einen Fuß von dem Fischkutter auf die Insel setzen konnte.“
„Er heißt Halberstaedt“, korrigierte sie Viktor. „Er ist hier der Bürgermeister.“
„Ja, der wichtigste Mensch auf der Insel. Nach Ihnen. Das hat er mir auch klar gemacht. Und ich werde seinen Rat auch befolgen und ,meinen hübschen Arsch so schnell wie möglich von Parkum schwingen‘, sobald ich mit Ihnen gesprochen habe.“
„Das hat er gesagt?“
„Ja. Aber ich werde das nur tun, wenn Sie mir fünf Minuten Ihrer Zeit geben und es mir selbst ins Gesicht sagen.“
„Was?“
„Dass Sie mich nicht behandeln wollen.“
„Ich habe keine Zeit, Sie zu behandeln“, sagte er wenig überzeugend. „Bitte gehen Sie.“
„Ja, das werde ich. Versprochen. Aber erst möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Meine Geschichte. Glauben Sie mir. Es sind nur fünf Minuten. Und Sie werden keine davon bereuen.“
Viktor zögerte. Die Neugierde hatte jetzt jede andere Emotion in ihm überflügelt. Außerdem war seine Ruhe nun sowieso gestört, und ihm fehlte jegliche Kraft zu einer weiter gehenden Auseinandersetzung.
„Ich beiße nicht, Dr. Larenz.“ Sie lächelte ihn an.
Das Schiffsparkett im Zimmer ächzte wieder unter ihren Füßen, als sie einen weiteren Schritt auf ihn zuging. Jetzt konnte er ihr teures Parfum riechen. Opium.
„Nur fünf Minuten?“
„Versprochen!“
Er zuckte mit den Achseln. Nach der Störung kam es auf ein paar Minuten mehr oder weniger nicht mehr an. Und wenn er sie jetzt hinauswarf, würde sie wahrscheinlich den ganzen Tag vor seinem Strandhaus auf und ab laufen, und er käme gar nicht mehr zum Nachdenken.
„Also gut.“
Er sah demonstrativ auf die Uhr.
„Fünf Minuten.“

Der Autor setzt hier Markennamen oder explizite Produktbezeichnungen ein – Budapester, Chanel, Opium. Er profitiert damit von der Leistung von Werbung – leere Hüllen mit Inhalten oder Vorstellungen aufzuladen. Damit kann er mit einem Wort den Status der Protagonisten vermitteln. Immer vorausgesetzt, die Leserin, der Leser kennt das Produkt und seine Zuschreibungen.
Die Diskussion im Freitagssalon, ob das nun gutes oder schlechtes Schreiben sei, verlief ohne eindeutiges Ergebnis. Wie fast immer kommt es auf den Kontext an, den konkreten Fall und die Menge.
Ach, wäre das Leben doch schwarzweiß, es wäre einfacher.

Die Grenze zwischen Überreden und Überzeugen ist schmal, und die Aussichten auf Erfolg sind in beiden Fällen sehr offen. Frank Schulz schildert uns in diesem Beitrag das Scheitern an der Hörnchentheke.