Märchen sind Erzählungen phantastischer Ereignisse, die in allen Kulturkreisen zu finden sind. Sie lebten lange von der mündlichen Weitergabe und gelten auch als moralischer Kompass. Weshalb sie meist von Erwachsenen an Kinder weitergegeben werden. Im Folgenden ein Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm und ein englisches Märchen, das von Joseph Jacobs überarbeitet wurde. Uns wurden sie am 27. Januar 2023 im Rahmen des Freitagssalons von Nora Koss vorgetragen.
Lesedauer zehn Minuten
„Der Wolf und sieben junge Geißlein“ der Brüder Grimm
Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben junge Geißlein, und hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter holen, da rief sie alle sieben herbei und sprach: „Liebe Kinder, ich will hinaus in den Wald, seid auf eurer Hut vor dem Wolf, wenn er hereinkommt, so frißt er euch mit Haut und Haar. Der Bösewicht verstellt sich oft, aber an seiner rauhen Stimme und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn gleich erkennen.“ Die Geißlein sagten: „Liebe Mutter, wir wollen uns schon in acht nehmen, Ihr könnt ohne Sorge fortgehen.“ Da meckerte die Alte und machte sich getrost auf den Weg.
Es dauerte nicht lange, da klopfte jemand an die Haustür und rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht!“ Aber die Geißlein hörten an der rauhen Stimme, daß es der Wolf war. „Wir machen nicht auf“, riefen sie, „du bist unsere Mutter nicht, die hat eine feine und liebliche Stimme, aber deine Stimme aber ist rauh; du bist der Wolf.“ Da ging der Wolf fort zu einem Krämer und kaufte sich ein großes Stück Kreide; er aß es auf und machte damit seine Stimme fein. Dann kam er zurück, klopfte an die Haustür und rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht!“ Aber der Wolf hatte seine schwarze Pfote in das Fenster gelegt, das sahen die Kinder und riefen: „Wir machen nicht auf, unsere Mutter hat keinen schwarzen Fuß, wie du; du bist der Wolf!“ Da lief der Wolf zu einem Bäcker und sprach: „Ich habe mich an den Fuß gestoßen, streich mir Teig darüber.“ Als ihm der Bäcker die Pfote bestrichen hatte, so lief er zum Müller und sprach: „Streu mir weißes Mehl auf meine Pfote.“ Der Müller dachte: Der Wolf will einen betrügen, und weigerte sich; aber der Wolf sprach: „Wenn du es nicht tust, fresse ich dich!“ Da fürchtete sich der Müller und machte ihm die Pfote weiß. Ja, so sind die Menschen.
Nun ging der Bösewicht zum dritten Mal zu der Haustür, klopfte an und sprach: „Macht auf, Kinder, euer liebes Mütterchen ist heimgekommen und hat jedem von euch etwas aus dem Walde mitgebracht!“ Die Geißlein riefen: „Zeig uns zuerst deine Pfote, damit wir wissen, daß du unser liebes Mütterchen bist.“ Da legte der Wolf die Pfote ins Fenster, und als sie sahen, daß sie weiß war, so glaubten sie, es wäre alles wahr, was er sagte, und machten die Türe auf. Wer aber hereinkam, war der Wolf. Die Geißlein erschraken und wollten sich verstecken. Das eine sprang unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter die Waschschüssel, das siebente in den Kasten der Wanduhr. Aber der Wolf fand sie alle und machte nicht langes Federlesen: eins nach dem andern schluckte er in seinen Rachen; nur das jüngste in dem Uhrkasten fand er nicht. Als der Wolf seine Lust gebüßt hatte, trollte er sich fort, legte sich draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum und fing an zu schlafen.
Nicht lange danach kam die alte Geiß aus dem Walde wieder heim. Ach, was mußte sie da erblicken! Die Haustür stand sperrweit auf, Tisch, Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in Scherben, Decke und Kissen waren aus dem Bett gezogen. Sie suchte ihre Kinder, aber nirgends waren sie zu finden. Sie rief sie nacheinander bei Namen, aber niemand antwortete. Endlich, als sie das jüngste rief, da rief eine feine Stimme: „Liebe Mutter, ich stecke im Uhrkasten.“ Sie holte es heraus, und es erzählte ihr, daß der Wolf gekommen wäre und die anderen alle gefressen hätte. Da könnt ihr denken, wie sie über ihre armen Kinder geweint hat!
Endlich ging sie in ihrem Jammer hinaus, und das jüngste Geißlein lief mit. Als sie auf die Wiese kam, so lag da der Wolf an dem Baum und schnarchte, daß die Äste zitterten. Sie betrachtete ihn von allen Seiten und sah, daß in seinem angefüllten Bauch sich etwas regte und zappelte. Ach, Gott, dachte sie, sollten meine armen Kinder, die er zum Nachtmahl hinuntergewürgt hat, noch am Leben sein? Da mußte das Geißlein nach Hause laufen und Schere, Nadel und Zwirn holen. Dann schnitt sie dem Ungetüm den Wanst auf, und kaum hatte sie einen Schnitt getan, so streckte schon ein Geißlein den Kopf heraus, und als sie weiter schnitt, so sprangen nacheinander alle sechse heraus, und waren noch alle am Leben, und hatten nicht einmal Schaden erlitten, denn das Ungetüm hatte sie in der Gier ganz hinuntergeschluckt. Das war eine Freude! Da herzten sie ihre liebe Mutter, und hüpften wie Schneider, der Hochzeit hält. Die Alte aber sagte: „Jetzt geht und sucht Wackersteine, damit wollen wir dem gottlosen Tier den Bauch füllen, solange es noch im Schlafe liegt.“ Da schleppten die sieben Geißerchen in aller Eile die Steine herbei und steckten sie ihm in den Bauch, so viel als sie hineinbringen konnten. Dann nähte ihn die Alte in aller Geschwindigkeit wieder zu, daß er nichts merkte und sich nicht einmal regt.
Als der Wolf endlich ausgeschlafen hatte, machte er sich auf die Beine, und weil ihm die Steine im Magen so großen Durst erregten, so wollte er zu einem Brunnen gehen und trinken. Als er aber anfing zu gehen und sich hin und her zu bewegen, so stießen die Steine in seinem Bauch aneinander und rappelten. Da rief er:
„Was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum?
Ich meinte, es wären sechs Geißelein,
Doch sind´s lauter Wackerstein.“
Und als er an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er mußte jämmerlich ersaufen. Als die sieben Geißlein das sahen, kamen sie eilig herbeigelaufen und riefen laut: „Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!“ und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum.
„Die drei kleinen Schweinchen“ von Joseph Jacobs
Es war einmal eine alte Schweinemutter, die hatte drei kleine Schweinchen. Die Schweinchen aßen und aßen und irgendwann waren sie so groß, dass sie in dem Haus, in dem sie wohnten, keinen Platz mehr finden konnten. Da sagte die Schweinemutter:
„Ihr könnt jetzt nicht mehr bei mir bleiben meine Kinder. Jeder muss ein Haus für sich selbst haben.“
Und sie schickte sie in die große, weite Welt hinaus.
Das erste Schweinchen begegnete einem Mann mit einem Bündel Stroh. Es sagte zu ihm:
„Bitte, lieber Mann, gib mir das Stroh, denn ich will mir ein Haus daraus bauen.“
Da sagte der Mann:
„Gib mir erst von deinen Borsten, damit ich mir eine Bürste daraus machen kann.“
Da gab ihm das Schweinchen einige seiner Borsten. Der Mann gab ihm dafür das Stroh und half ihm, das Haus aufzubauen. Vorne hatte das Haus eine große Tür und hinten eine kleine Tür. Dann schaute das Schweinchen sein Strohhaus an und sang:
„Ich habe ein schönes Haus von Stroh, ich bin so sicher und so froh. Und kommt der böse Wolf vorbei, dann lache ich, hihi, heihei!“
Das zweite Schweinchen begegnete einem Mann, der ein Bündel Holz trug. Es sagte zu ihm:
„Bitte, lieber Mann, gib mir das Holz, ich will mir daraus ein Haus bauen.“
Der Mann aber sagte:
„Gib mir erst von deinen Borsten, damit ich mir eine Bürste daraus machen kann.“
Da gab ihm das Schweinchen einige seiner Borsten. Der Mann gab ihm dafür das Holz und half ihm, das Haus aufzubauen. Vorne hatte das Haus eine große Tür und hinten eine kleine Tür. Dann schaute das Schweinchen sein Holzhaus an und sang:
„Ich habe ein schönes Haus von Holz, ich bin so sicher und so stolz. Und kommt der böse Wolf vorbei, dann lache ich, hihi, heihei!“
Das dritte Schweinchen begegnete einem Mann, der zieht einen Karren voll Ziegelsteine. Es sagte zu ihm:
„Bitte, lieber Mann, gib mir von den Ziegelsteinen, ich will mir ein Haus daraus bauen.“
Der Mann aber sagte:
„Gib mir erst von deinen Borsten, damit ich mir eine Bürste daraus machen kann.“
Da gab ihm das Schweinchen einige seiner Borsten. Der Mann gab ihm dafür die Ziegelsteine und half ihm, das Haus aufzubauen. Vorne hatte das Haus eine große Tür und hinten eine kleine Tür. Dann schaute das Schweinchen sein Haus aus Ziegelsteinen an und sang:
„Ich habe ein schönes Haus von Stein, es ist so sicher und so fein. Und kommt der böse Wolf vorbei, dann lache ich, hihi, heihei!“
So lebte nun jedes Schweinchen in seinem eigenen kleinen Haus, und jedes war glücklich und zufrieden.
Doch eines Tages kam der Wolf aus dem Wald, klopfte an die große Tür des kleinen Strohhauses und rief:
„Liebes, gutes kleines Schwein, lass mich doch zu dir hinein.“
Das Schweinchen aber antwortete:
„Bin ganz allein, bin ganz allein, ich lass dich nicht ins Haus herein.“
Da sagte der Wolf:
„Ich werde strampeln und trampeln, ich werde husten und prusten und dir dein Haus zusammenpusten.“
Und der Wolf strampelte und trampelte, er hustete und prustete und pustete das ganze Haus zusammen. Aber das kleine Schweinchen war nicht mehr da. Es war hinten durch die kleine Tür zum zweiten Schweinchen ins Holzhaus gelaufen.
Da ging der Wolf zum Holzhaus, klopfte vorne an die große Tür und ruft:
„Liebes, gutes kleines Schwein, lass mich doch zu dir hinein.“
Das zweite Schweinchen aber antwortete:
„Bin ganz allein, bin ganz allein, ich lass dich nicht ins Haus herein.“
Da sagte der Wolf:
„Ich werde strampeln und trampeln, ich werde husten und prusten und dir dein Haus zusammenpusten.“
Und der Wolf strampelte und trampelte, er hustete und prustete und pustete das ganze Haus zusammen. Aber die zwei kleinen Schweinchen waren nicht mehr da, denn sie waren hinten durch die kleine Tür zum dritten Schweinchen ins Ziegelhaus gelaufen.
Da ging der Wolf zum Ziegelhaus, klopfte vorne an die große Tür und rief:
„Liebes, gutes kleines Schwein, lass mich doch zu dir hinein.“
Das dritte Schweinchen aber antwortete:
„Bin ganz allein, bin ganz allein, ich lass dich nicht ins Haus herein.“
Da sagte der Wolf:
„Ich werde strampeln und trampeln, ich werde husten und prusten und dir dein Haus zusammenpusten.“
Und der Wolf strampelte und trampelte, er hustete und prustete, aber er konnte das Haus nicht zusammenpusten.
Da wurde er schrecklich zornig und brüllte:
„Warte nur, gleich habe ich dich!“
und machte sich daran, durch den Kamin ins Haus zu klettern. Als die drei Schweinchen merken, was der Wolf im Sinne hatte, fragte das erste Schweinchen:
„Was sollen wir nur tun?“
Das zweite Schweinchen:
„Ich will ein großes Feuer im Kamin machen.“
Und das dritte Schweinchen:
„Ich will einen großen Topf mit Wasser in den Kamin hängen.“
Das taten sie auch.
Nicht lange danach – das Feuer prasselte schon lustig und das Wasser brodelte, kam der Wolf den Kamin herunter und plumpste mitten ins heiße Wasser hinein. Schnell gaben die drei kleinen Schweinchen einen Deckel darauf und verschlossen den Topf. Dann tanzten sie vor Freude um den Kamin herum und sangen:
„Der Wolf ist tot, der Wolf ist tot, ein Ende hat die große Not.“
Dann baute sich das erste Schweinchen ein Ziegelhaus und das zweite auch, und fortan lebten alle drei zufrieden und froh.
Die mündlichen Überlieferung von älteren Kolleginnen und Kollegen, wie die Kommunikationsbranche vor 30 oder 40 Jahren funktionierte, können heutigen Berufseinsteigerinnen und -einsteigern durchaus märchenhaft vorkommen – jede Kampagne bestand grundsätzlich aus Doppelseiten, Shootings fanden auf Honolulu oder mindestens Ibiza statt, und Mittagessen dauerten mindestens zwei Stunden und umfassten mindestens zwei Flaschen Rotwein. Und zwar vom besseren.
Auch bei diesen sagenhaften Erzählungen ist es wie bei den Märchen: Es mag durchaus etwas dran sein, sie stimmen nicht im wörtlichen Sinn, und sie bilden ein mächtiges Narrativ, das ältere Damen und Herren gerne zum Schwärmen bringt. Vor allem nach der zweiten Flasche Rotwein (und zwar vom besseren).
Eine zwar in der Realität angesiedelte, aber sehr zarte und märchenhafte Erzählung über das Lesen hat Ulla Hahn geschrieben. Du findest den Ausschnitt hier.