„Weiberregiment“ von Terry Pratchett (2003)

Eine junge Frau aus Borograwien, das sich im Kriegszustand befindet, fühlt sich mitverantwortlich dafür, dass ihr gutmütiger Bruder zum Soldaten wurde.  Um an seiner Seite bleiben zu können, schlüpft sie in die Rolle eines männlichen Wesens und lässt sich ebenfalls rekrutieren. Von einigen der damit einhergehenden Komplikationen handelt der Buchausschnitt, den Falk Mussul beim Freitagssalon vom 28. Oktober 2022 präsentierte.

Lesedauer elf Minuten

Die Rekruten versuchten zu schlafen. Gelegentlich rülpste jemand oder ließ laut einen Wind streichen, und Polly steuerte einige falsche Rülpser bei. Das schien die anderen Schläfer zu größeren Anstrengungen anzuspornen, und erst als das Dach klapperte und Staub herabrieselte, kehrte wieder Ruhe ein. Ein- oder zweimal hörte sie, wie jemand nach draußen trat, in die windige Dunkelheit, rein theoretisch mit der Absicht, den Abort aufzusuchen. Aber angesichts der männlichen Ungeduld wurde die Angelegenheit vermutlich nicht ganz so weit entfernt erledigt. Einmal, halb in einem Traum, hörte Polly jemanden schluchzen.

Sie achtete darauf, nicht zu laut zu rascheln, als sie den mehrmals gefalteten, viel gelesenen und sehr fleckigen letzten Brief ihres Bruders hervorholte und ihn im Licht einer einzelnen, tropfenden Kerze las. Die Zensoren hatten ihn geöffnet und den Text verstümmelt, und er trug den Stempel der Herzogin. Pollys Bruder schrieb:

Ihr Lieben,
wir sind in und das ist mit eine große Sache, und wie. Am werden wir , und das ist gut so, denn draußen. Es geht mir gut. Das Essen ist und wir bei , aber mein Kumpel meint, keine Sorge, bis ist alles vorbei, und wir werden Medaillen bekommen.
Kopf hoch!
Paul

Der Brief war in der sehr sauberen Handschrift von jemandem verfasst, der beim Schreiben jedes einzelnen Buchstabens große Sorgfalt walten ließ. Paul hatte sich Medaillen gewünscht, weil sie glänzten. Das war vor fast einem Jahr gewesen, als jede Rekrutierungsgruppe fast ein ganzes Bataillon versammelte, als Fahnen wehten und Musik spielte. Gelegentlich kehrten jetzt einzelne Gruppen von Männern heim. Den Glücklicheren unter ihnen fehlte nur ein Arm oder ein Bein. Es wurden keine Fahnen geschwenkt.

Polly entfaltete ein anderes Stück Papier, ein Flugblatt mit der Überschrift: „Von den Müttern Borograwiens!“ Die Mütter Borograwiens ließen nicht den geringsten Zweifel daran, wie sehr sie wollten, dass ihre Söhne gegen den zlobenischen Aggressor in den Krieg zogen, und sie unterstrichen dies mit vielen Ausrufezeichen. Das war seltsam, denn die Mütter in Munz schienen sich nicht sehr darüber zu freuen, dass ihre Söhne in den Krieg zogen; sie versuchten sogar, sie daran zu hindern. Trotzdem waren irgendwie mehrere Exemplare des Pamphlets in jedes Haus gelangt. Es klang alles sehr patriotisch. Mit anderen Worten: Es ging darum, Ausländer zu töten.

Polly hatte einigermaßen Lesen und Schreiben gelernt, weil das Gasthaus groß und ein Geschäft war, weil die Dinge kontrolliert und aufgeschrieben werden mussten. Ihre Mutter hatte sie Lesen gelehrt, wogegen Nuggan keine Einwände erhob, und ihrem Vater verdankte sie, dass sie schreiben konnte, und das gefiel Nuggan nicht. Pater Joppe hatte eine des Schreibens kundige Frau als Abscheulichkeit klassifiziert, was bedeutete: Was auch immer sie schrieb, war per definitionem eine Lüge.

Aber Polly lernte das Schreiben trotzdem, weil Paul es nicht lernte. Sie lernte es gut genug, um ein Gasthaus zu leiten, in dem ein so großer Betrieb herrschte wie in der „Herzogin“. Paul konnte lesen, wenn er mit dem Finger ganz langsam den Zeilen folgte, und er schrieb Briefe im Schneckentempo, mit großer Sorgfalt und unter schwerem Atmen, wie jemand, der ein Schmuckstück zusammensetzte. Er war groß, gutmütig und langsam, konnte Bierfässer wie Spielzeuge heben, aber mit Schreibarbeiten kam er nicht gut zurecht. Ihr Vater hatte Polly sehr sanft, aber auch sehr oft darauf hingewiesen, dass sie direkt hinter ihm stehen musste, wenn die Zeit für ihn kam, sich um das Gasthaus zu kümmern. Wenn es niemanden gab, der ihrem Bruder sagte, was er als Nächstes tun sollte, stand er einfach nur da und beobachtete Vögel.

Auf Pauls Bitte hin hatte sie ihm den ganzen Text vorgelesen, der angeblich „Von den Müttern Borograwiens“ stammte, auch den Teil über Helden, und dass es nichts Besseres gab, als für sein Vaterland zu sterben. Das bedauerte Polly jetzt. Paul machte, was man ihm sagte. Leider glaubte er auch, was man ihm sagte.

Polly steckte Brief und Flugblatt unters Hemd und döste wieder ein, bis ihre Blase sie weckte. So früh am Morgen brauchte sie vor dem Abort sicher nicht Schlange zu stehen. Sie griff nach ihrem Rucksack und trat so leise wie möglich in den Regen.

Er kam jetzt größtenteils von den Bäumen, die im heftigen Wind brausten, der durchs Tal wehte. Der Mond verbarg sich in den Wolken, aber das Licht war stark genug, um die Gebäude des Gasthofs erkennen zu können. Fahles Grau deutete darauf hin, dass das, was in Plün als Morgengrauen galt, unterwegs war. Polly fand den für Männer bestimmten Abort und stellte fest, dass er tatsächlich nach Ungenauigkeit stank.

Planung und Übungen hatten sie auf diesen Augenblick vorbereitet. Die Kniehose half ihr. Sie gehörte zur altmodischen Art, großzügig ausgestattet mit Knöpfen, die Klappen öffneten. Und morgens früh, beim Saubermachen, hatte sie viel experimentiert. Kurzum: Polly wusste, dass auch eine Frau im Stehen pinkeln konnte, wenn sie den Details genug Aufmerksamkeit schenkte. Es funktionierte im Abort daheim, bei dessen Konstruktion man von einer gewissen Ziellosigkeit der Gäste ausgegangen war.

Der Wind schüttelte das nasskalte Gebäude. In der Dunkelheit dachte Polly an Tante Hattie, die um die sechzig ein wenig seltsam geworden war und vorbeikommenden jungen Männern immer wieder vorwarf, sie würden unter ihren Rock blicken. Nach einem Glas Wein wurde es noch schlimmer, und sie erzählte immer wieder den einen Witz: „Was macht ein Mann im Stehen, eine Frau im Sitzen und ein Hund mit gehobenem Bein?“ Und wenn alle vor Verlegenheit keine Antwort gaben, juchzte sie triumphierend: „Die Hand schütteln!“ Und dann krümmte sie sich vor Lachen. Tante Hattie war auch ohne Nuggan eine Abscheulichkeit.

Polly knöpfte ihre Hose voller Freude zu und hatte das Gefühl, einen wichtigen Erfolg erzielt zu haben. Die Tatsache, dass ihre Füße trocken geblieben waren, bestärkte sie in diesem Empfinden.

„Pscht“, sagte jemand.
Zum Glück hatte sie gerade ihre Blase entleert. Panik presste jeden Muskel zusammen. Wo versteckten sie sich? Dies war doch nur ein verdammter alter Schuppen! Sicher gab es einige Nischen, aber allein der Geruch wies mit großem Nachdruck darauf hin, dass der Wald draußen viel besser war. Selbst in einer stürmischen Nacht – mit Wölfen.
„Ja?“, fragte Polly mit zittriger Stimme. Dann räusperte sie sich und wiederholte schroffer: „Ja?“
„Du brauchst das hier“, flüsterte die Stimme. In der stinkenden Düsternis sah Polly etwas über den oberen Rand einer Nische aufsteigen. Nervös griff sie danach und berührte etwas Weiches: ein Bündel aus Wolle. Ihre Finger erforschten es.
„Ein Paar Socken?“, fragte sie.
„Ja. Trag sie“, sagte die mysteriöse Stimme heiser.
„Danke, aber ich habe selbst welche …“, begann Polly.
Es seufzte in der Dunkelheit. „Nicht an den Füßen. Schieb sie dir vorn in die Hose.“
„Wie bitte?“
„Du hast dort keine Beulen, wo keine sein sollen, und das ist gut so“, erklärte das Flüstern geduldig. „Aber es fehlt dort eine, wo es eine geben sollte. Verstehst du? Weiter unten?“
„Oh! Äh … ich … aber … Ich dachte, es würde niemandem auffallen“, sagte Polly und glühte vor Verlegenheit. Man hatte sie entlarvt. Aber es gab kein Gezeter, keine zornigen Zitate aus dem Buch Nuggan. Jemand half ihr. Jemand, der sie gesehen hatte …
„Es ist eine komische Sache“, sagte die Stimme, „Die Leute bemerken eher das, was fehlt, als das, was da ist. Nur ein Paar, wohlgemerkt. Werd nicht zu ehrgeizig.“
Polly zögerte. „Äh … ist es offensichtlich?“, fragte sie.
„Nein. Deshalb habe ich dir die Socken gegeben.“
„Ich meine, dass ich kein … dass ich … “
„Nein, eigentlich nicht“, sagte die Stimme im Dunkeln. „Du bist ziemlich gut. Bist als ein ängstlicher Junge gekommen, der versuchte, groß und tapfer zu wirken. Du könntest öfter in der Nase bohren. Ist nur ein Tipp. Nur wenige Dinge interessieren einen jungen Mann mehr als der Inhalt seiner Nasenlöcher. So, und jetzt muss ich dich meinerseits um einen Gefallen bitten.“
Ich habe dich nicht um einen Gefallen gebeten, dachte Polly und ärgerte sich, dass man sie für einen ängstlichen Jungen hielt, wo sie doch sicher war, cool und unerschütterlich zu wirken. Doch sie erwiderte ruhig: „Und der wäre?“
„Hast du Papier?“
Wortlos holte Polly „Von den Müttern Borograwiens“ unter ihrem Hemd hervor und reichte das Pamphlet nach oben. Sie hörte wie ein Streichholz entzündet wurde, und der schweflige Geruch machte den Gestank ein wenig erträglicher.
„Sehe ich hier das Wappen Ihrer Hoheit vor mir?“, sagte die flüsternde Stimme. „Nun, es wird nicht mehr lange vor mir sein. Verdufte … Junge.“

Schockiert, benommen, verwirrt und halb erstickt eilte Polly in die Nacht hinaus und schaffte es bis zur Tür des Schuppens. Sie hatte sie kaum hinter sich geschlossen und blinzelte in der Finsternis, als sie wieder aufgerissen wurde. Herein kamen Wind, Regen und Korporal Strappi.
„Aufwachen, ihr Jammerlappen! Raus aus den Federn und in die Klamotten! Hopp, hopp …“
Um Polly herum sprangen Leute auf und fielen durcheinander. lhre Muskeln schienen direkt der Stimme zu gehorchen, denn kein Gehirn konnte so schnell in Gang kommen. Korporal Strappis Reaktion gehorchte dem Gesetz der Unteroffiziere und machte die Verwirrung noch verwirrender.
„Lieber Himmel, alte Weiber könnten sich schneller anziehen als ihr!“, rief er voller Zufriedenheit, als Rekruten mit den Armen fuchtelten, auf der Suche nach Mänteln und Stiefeln. „Antreten! Zum Rasieren! Jeder Mann im Regiment muss ordentlich rasiert sein, das ist ein Befehl! Anziehen! Reißer, ich habe dich im Auge! Bewegung! Bewegung! Frühstück in fünf Minuten! Wer als Letzter kommt, kriegt keine Wurst! Meine Güte, was für ein trauriger Haufen!“
Die vier geringeren Reiter der Apokalypse namens Panik, Konfusion, Ignoranz und Geschrei übernahmen die Kontrolle im Raum, zur hämischen Freude von Korporal Strappi. Polly duckte sich durch die Tür, zog einen kleinen Blechbecher aus ihrem Rucksack, tauchte ihn in eine Wassertonne, stellte ihn auf ein altes Fass hinter dem Gasthaus und begann, sich zu rasieren.
Auch das hatte sie geübt. Das Geheimnis lag in der sorgfältig abgestumpften Klinge des langen Rasiermessers. Der Rest war nur Schaum und Seife. Trage viel Schaum auf, streiche mit dem Messer viel Schaum fort, fertig ist die Rasur. Ja, kein Zweifel, Herr, fühl nur die glatte Haut …
Polly war halb fertig, als eine Stimme an ihrem Ohr schrie:
„Was machst du da, Soldat Pimmel?“
Sie konnte von Glück sagen, dass die Klinge so stumpf war.
„Perks, Herr!“, erwiderte Polly und rieb sich die Nase. „Ich rasiere mich, Herr! Und ich heiße Perks, Herr!“
„Herr? Ich bin kein Herr, Pimmel, sondern ein verdammter Korporal, Pimmel. Was bedeutet, dass du mich gefälligst mit ,Korporal‘ ansprichst, Pimmel. Und du benutzt beim Rasieren einen offiziellen Regimentsbecher, den du nicht bekommen hast, oder, Pimmel! Bist du vielleicht ein Deserteur, Pimmel?“
„Nein, H… Korporal!“
„Oder ein Dieb?“
„Nein, Korporal!“
„Woher hast du dann den verdammten Becher, Pimmel?“
„Von einem Toten, Herr – Korporal!“
Strappis kreischende Stimme wurde zu einem empörten Heulen. „Du bist ein Plünderer?“
„Nein, Korporal! Der Soldat …“

… war fast in Pollys Armen gestorben, auf dem Boden des Gasthauses. Die Gruppe der zurückgekehrten Helden bestand aus sechs Männern.
Tagelang mussten sie mit blasser Geduld unterwegs gewesen sein, zurück zu ihren kleinen Dörfern in den Bergen. Polly zählte neun Arme und zehn Beine und zehn Augen.
Die noch ganz waren, schienen am schlimmsten dran zu sein, in gewisser Weise. Ihre stinkenden Mäntel blieben als Verbandsersatz zugeknöpft, über tiefen Wunden, und sie verströmten den Geruch des Todes. Die Stammgäste des Wirtshauses machten Platz für sie und sprachen leise, wie Besucher eines heiligen Ortes. Pollys Vater war normalerweise nicht besonders sentimental, aber diesmal gab er einen ordentlichen Schuss Brandy in jeden Bierkrug und nahm kein Geld dafür. Es stellte sich heraus, dass die Männer Briefe von Soldaten bei sich trugen, die noch kämpften, und einer von ihnen hatte Pauls Brief mitgebracht. Er schob ihn über den Tisch, als Polly Eintopf servierte, und dann starb er, einfach so.
Später an jenem Tag brachen die Männer wieder auf und nahmen die aus Schmelzglas bestehende Medaille des Toten mit, um sie seinen Eltern zu bringen, zusammen mit der Ehrenurkunde der Herzogin. Polly hatte einen Blick auf das Dokument geworfen. Der Name des Mannes war in ein leeres Feld des vorgefertigten Texts eingefügt worden, und die letzten Buchstaben drängten sich dicht aneinander – der Name war ungewöhnlich lang, deshalb reichte der Platz kaum.
An solche kleinen Details erinnert man sich, wenn zielloser weìßer Zorn den Geist füllt. Abgesehen von der Auszeichnung und der Medaille hinterließ der Mann nur einen Blechbecher und auf dem Boden einen Fleck, der sich nicht wegschrubben ließ.

Es sind häufig kleine, unbedeutend scheinende Details, die einen Text berührend machen. Dass auf der Ehrenurkunde kein Platz für den langen Namen des gestorbenen Soldaten ist, ist für die Entwicklung der Geschichte nicht notwendig, verleiht ihr aber eine banale, sehr traurige und fast schockierende Realitätsnähe.
Hinhören und hingucken lehren dich, Texte und Dialoge so zu schreiben, dass sie Menschen emotional ansprechen und nicht einfach ausgeschmückte Briefingzeilen sind.