Es ist ein tolles Gefühl, wenn man einen Job findet, bei dem sich persönliche Neigungen, Interessenlage und Fähigkeiten bezahlt machen lassen. Wenn dann noch die Firmenphilosophie Übereinstimmung mit der eigenen zeigt – was will man mehr? Dem jungen Mann im folgenden Ausschnitt fällt es daher schwer, seine Fehleinschätzung in dieser Hinsicht in eine konsequente Aktion münden zu lassen und dafür auch noch Mitstreiter zu gewinnen.
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Ein Megastore erfordert ein Megagebäude. Als Levis Samstags-Arbeitgeber vor sieben Jahren in Boston einfielen, standen mehrere Gebäude zur Auswahl. Sieger war die alte Stadtbibliothek aus den Achtzigerjahren des vorvergangenen Jahrhunderts, ein rotes Ziegelbauwerk mit glänzenden schwarzen Fenstern und einem hohen präraffaelitischen Torbogen über dem Eingang. Das Gebäude nahm fast einen ganzen Block ein. Oscar Wilde hatte hier einst einen Vortrag gehalten über die Lilie als diejenige Blume, die alle anderen in den Schatten stellte. Damals wurden die Türen noch geöffnet wie ein Panzerschrank, durch Drehung eines eisernen Rads, wodurch sich die Verriegelung löste. Man brauchte beide Hände dafür. Heute sind die zwölf Eichentüren durch Batterien gläserner Automatiktüren ersetzt, die lautlos vor dem Kunden aufgehen. Durch eine davon ging jetzt Levi und machte Touchfist mit Marlon und Big James von der Security. Er nahm den Aufzug hinunter ins Lager, wo er das vorgeschriebene Firmen T-Shirt, die Firmen-Baseballkappe sowie die billige, dünne, fusselmagnetische, absolute un-baggy Firmen-Polyesterhose anzog. Anschließend fuhr er hoch in den vierten Stock und ging, den Blick gesenkt auf den Teppichboden mit den sich wiederholenden Markenlogos, in seine Abteilung. Er war ziemlich angepisst. Er fühlte sich verarscht. Auf dem Korridor rekonstruierte er die Genese dieses Gefühls. Er hatte diesen Samstagsjob in gutem Glauben angenommen, hatte die multinationale Firma, die diese Megastores betrieb, sogar bewundert, die „Vision“ dahinter. Besonders beeindruckt war er von folgender Passage auf dem Bewerbungsbogen:
Unsere Firmen sind eher Teil einer Familie als einer Hierarchie. Jeder Einzelne arbeitet für sich, aber alle unterstützen sich gegenseitig, und die Lösungen zu bestimmten Problemen kommen aus vielen Quellen. In gewissem Sinn bilden wir eine Gemeinschaft, mit gemeinsamen Vorstellungen, Werten, Interessen und Zielen. Unser Erfolg ist stets real und greifbar. Seien Sie ein Teil davon, machen Sie mit.
Er wollte ein Teil davon sein. Levi gefiel auch der legendäre Eigentümer, ein Engländer, der aussah wie ein Graffiti-Künstler, der die ganze Welt mit seinen Tags vollmalte. Flugzeuge, Züge, Finanzdienstleistungen, Softdrinks, Musik, Handys, Urlaubs reisen, Autos, Weine, Verlage, Brautkleider – alles, auf das sein schlichtes, knalliges Logo passte. So etwas wollte Levi eines Tages auch machen. Also dachte er sich, ein kleiner Job in dieser Riesenfirma sei keine schlechte Idee, um zu sehen, wie so ein Apparat im Innern funktionierte. Mit Machiavelli gesprochen: beobachten. Lernen. Schließlich verdrängen. Er hielt auch dann noch an der Idee fest, als sich das Ganze als miserabel bezahlter Knochenjob entpuppte. Er betrachtete sich nämlich als ein Teil dieser Familie, dessen Erfolg stets real und greifbar war, trotz der kümmerlichen $ 6,89 die Stunde.
Dann plötzlich die Nachricht von Tom auf seinem Pager, der nette Typ aus der Folkabteilung. Tom zufolge ging das Gerücht, dass Bailey, der Abteilungsleiter, das gesamte Verkaufs- und Kassenpersonal an Heiligabend und am ersten Weihnachtstag zur Arbeit eingeteilt hatte. Erst da war Levi aufgefallen, dass er nie darüber nachgedacht hatte, was sein globaler Arbeitgeber, diese eindrucksvolle Marke, eigentlich unter den gemeinsamen Vorstellungen, Werten, Interessen und Zielen verstand, zu denen sich er und Tom und Candy und Gina und LaShonda und Gloria und Jamal verpflichtet hatten.
Music for the people?
Sie haben die Wahl?
All music all the time?
„Eher: Her mit der Knete“, sagte Howard beim Frühstück. „Das ist ihre Devise.“
„Ich will aber Weihnachten nicht arbeiten“, sagte Levi.
„Brauchst du auch nicht“, sagte Howard.
„Ich meine, das ist doch ein Witz. Das können sie nicht machen.“
„Tja, wenn du wirklich dieser Meinung bist, dann müsst ihr euch zusammenschließen und eine spontane Aktion auf die Beine stellen.“
„Was soll denn das sein?“
Über Toast und Kaffee erklärte ihm Howard sodann die Prinzipien von spontanen Aktionen, so, wie sie in den Siebzigerjahren von Howard und seinen Freunden durchgezogen worden waren. Ausführlich sprach er von einem Kerl namens Gramsci und der Situationistischen Internationalen. Brav nickte Levi zu allem, wie er das bei Vorträgen seines Vaters gelernt hatte, auch wenn ihm dabei Augen und Löffel recht schwer wurden.
„Aber so läuft das heute nicht mehr“, gab er am Ende leise zu bedenken, weil er seinen Vater nicht enttäuschen wollte und weil er sowieso losmusste, sonst würde er den Bus verpassen. Schöner Schwank aus Howards Jugend, aber er, Levi, kam deswegen noch zu spät zur Arbeit.
Jetzt traf Levi in seinem Sektor im Westflügel der vierten Etage ein. Er war kürzlich befördert worden, obwohl eher nur symbolisch. Statt als Mädchen für alles war er mittlerweile exklusiv für Hip-Hop, R&B und Urban zuständig. Man hatte ihm gesagt, so könne er sein Wissen in diesem Bereich gut an wissensdurstige Kunden weitergeben, ähnlich wie früher die Bibliothekare in diesen Hallen. Die Wirklichkeit sah anders aus. Wo sind die Toiletten? Wo steht Jazz? Wo finde ich Weltmusik? Wo ist das Café? Wo findet die Autogrammstunde statt? Im Prinzip hätte er sich auch mit einem Pappschild an die Straßenecke stellen können, das den Weg zum Army-Surplus-Laden wies. Und obwohl das staubige Licht noch genauso durch die hohen Fenster drang wie früher und die nachgemachte Tudor-Vertäfelung sowie das Rosen- und Tulpenschnitzwerk auf der Galerie den Geist beflissener Gelehrsamkeit beschworen, so trachtete doch niemand nach echter Aufklärung. Und das war eine Schande, denn Levi liebte den Rap. Dessen Schönheit, Geist und Humanität waren ihm weder fragwürdig noch verborgen geblieben, sodass er mit Engelszungen dafür plädierte, die innere Größe des Rap endlich anzuerkennen und gleichberechtigt neben die bedeutendsten Kunstschöpfungen der Menschheit zu stellen. Stundenlang hätte er auf die Zweifler einreden können und wäre dabei so lyrisch geworden wie Harold Bloom in einem Vortrag über Falstaff. Doch die Gelegenheit ergab sich nie. Stattdessen musste er den Leuten sagen, wo der Mainstream-Scheiß aus den Blockbuster-Filmen lag. Kurz und gut, die miese Bezahlung und seine Bocklosigkeit auf den öden Job waren kaum Anreiz, sich im Megastore das Weihnachtswochenende um die Ohren zu schlagen.
„Candy! Yo, Candy!“
Candy, gerade im Kundenkontakt und nicht sicher, wer nach ihr gerufen hatte, signalisierte ihm, sie in Frieden zu lassen. Levi wartete, bis sie mit dem Kunden fertig war, lief dann zu ihr hin, Candy aus Alternative Rock/Heavy Metal, tippte ihr auf die Schulter. Genervt drehte sie sich um. Sie hatte ein neues Piercing. Ein Stecker unterhalb der Lippe. Das war das Coole an dem Job: Man traf immer Leute, die man sonst nie traf.
„Candy, ich muss mit dir reden.“
„Hör mal … ich bin seit sieben Uhr hier, habe ohne Ende Regale aufgefüllt und geh jetzt was essen, also frag nicht mal.“
„Nee, Mann … ich bin grade erst gekommen, ich mach um zwölf Pause. Hast du das mit Weihnachten gehört?“
Candy ächzte und rieb heftig ihre Augen. Levi fielen ihre schmutzigen Finger auf, die eingerissene Nagelhaut, die kleine durchsichtige Warze am Daumen. Als sie fertig war, war ihr Gesicht violett und fleckig, und die pink-schwarzen Strähnen hingen ihr wild ins Gesicht.
„Ja, hab davon gehört.“
„Aber das können sie vergessen. Ich arbeite auf keinen Fall am ersten Weihnachtstag, no way.“
„Dann kannst du gleich kündigen.“ „Wieso das denn? Das ist doch dämlich.“
„Du kannst dich ja beschweren …“ Candy ließ ihre Knöchel knacken. „Aber Bailey geht das am Arsch vorbei.“
„Deswegen beschwere ich mich ja nicht bei Bailey. Ich tue etwas dagegen, Mann … eine spontane Aktion.“
Candy blinkte ihn mit den Augen an. „Ja klar. Viel Glück.“
„Hör mal, warum treffen wir uns nicht hinten, so in zwei Minuten? Und bring die anderen mit, Tom und Gina und Gloria, jeden hier auf der Etage. Ich sag LaShonda Bescheid, sie ist an der Kasse.“
„Okay“, sagte Candy, als handle es sich bei dem Wort um ein abgegriffenes Zitat. „Aber komm mal von deinem kommunistischen Scheiß runter.“ „In zwei Minuten.“ „Okay.“
Ganz hinten im Kassenbereich fand er LaShonda. Sie war größer und breiter als ihre sechs männlichen Kollegen. Die Amazone der Scannerkassen.
„LaShonda, hey.“
LaShonda entfaltete ihre langen Finger wie einen Fächer und winkte ihm zu. Sie grinste. „Hey, Levi, Baby. Wie läuft’s?“
„Alles im grünen Bereich. Bin etwas im Stress.“ „Du machst das schon, Baby, du machst das schon.“
Levi gab sich redliche Mühe, den Blick dieser unglaublichen Frau zu halten, doch wie immer ohne Erfolg. LaShonda hatte noch nicht mitgekriegt, dass Levi erst sechzehn war, dass er noch bei seinen Eltern im gutbürgerlichen Wellington wohnte und deshalb als Ersatzvater für ihre drei Kinder nicht infrage kam.
„Hey, LaShonda, kann ich dich einen Moment sprechen?“
„Klar, Baby, für dich habe ich doch immer Zeit, das weißt du.“
LaShonda kam hinter der Theke hervor, und Levi folgte ihr auf ihrem Weg in eine stille Ecke in der Nähe der Classic-Charts.
Für eine dreifache Mutter war ihr Körper ein Traum. Das schwarze, langärmlige Hemd klebte an den Muskeln ihrer kräftigen Unterarme, und die Knöpfe konnten ihre Brüste kaum halten. Und Ihr Hintern, der der vorgeschriebenen Hose einige Festigkeit abverlangte, war das heimliche Highlight seines Jobs.
„LaShonda, können wir uns in fünf Minuten draußen zu einem kleinen Meeting versammeln?“, sagte Levi, wobei er seinen Akzent etwas herunterregelte, um ihr näher zu sein. Und bring Tom mit und jeden, der kann. Es geht um dieses Weihnachtsding.“
„Was für ein Weihnachtsding denn, Baby?“
„Hast du noch nicht gehört? Sie wollen, dass wir Weihnachten arbeiten.“
„Echt? Mit Überstundenzuschlag?“
„Tja … das weiß ich nicht.“
„Ich könnte ein paar Dollar extra gut gebrauchen, kannst du dir sicher denken.“ Levi nickte. Das war auch so etwas. LaShonda hatte gleich am Anfang angedeutet, dass sie sich offenbar in einer vergleichbaren finanziellen Lage befanden. Aber Geld brauchen und Geld brauchen sind zweierlei. Levi brauchte es nicht auf dieselbe Weise, wie LaShonda es brauchte. „Also, ich würde arbeiten, mindestens am Morgen. Und zu eurem Meeting kann ich nicht kommen, aber setz meinen Namen auf die Liste, okay?“
„Okay… sicher … mach ich.“
„Echt, kein Witz, ich brauche das Geld. Und dieses Jahr warte ich auch nicht bis auf den letzten Drücker mit dem ganzen Geschenkekram. Ich meine, das sage ich zwar immer, aber diesmal klappt’s, garantiert. Aber teuer ist das, da fällst du vom Glauben ab.“
„Yeah“, sagte Levi nachdenklich. „Für Leute wie uns wird es um Weihnachten rum immer scheißeng.“
„Worauf du dich verlassen kannst“, sagte LaShonda und pfiff. „Und ich habe keinen, der mir hilft, ich muss das alles allein geregelt kriegen, verstehst du, was ich meine? Baby, wann gehst du in die Pause? Sollen wir zusammen gehen? Ich muss zur U-Bahn.“
Eine schöne Beschreibung von schlechtem Branding: Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander, der Mensch stürzt ins Tal der Enttäuschung, und wenn man ihn auf diese Weise verloren hat, dann hat man ihn für immer verloren.
Egal, ob man’s „unique selling proposition“, „purpose“, „mission“ oder „Positionierung“ nennt: Das Versprechen muss nachvollziehbar sein, und es muss gehalten werden. Im Zweifelsfall den Ball also eher flach halten.