Eine junge Frau erinnert sich an ihre Kindheit und Jugend am Rand eines Industrieparks bei Frankfurt – und sie schaut genau hin. Spürt den gesellschaftlichen Unterschieden zwischen der eigenen Familie und der ihrer besten Freundin nach sowie den Möglichkeiten, sich aus prekären Verhältnissen durch Bildung lösen zu können – oder auch nicht.
Lesedauer etwa acht Minuten
Sophia und ich waren damals überzeugt, dass es uns möglich wäre, das Fliegen zu lernen. Wir waren regelrecht besessen von Vampiren, Hexen und Geistern. Sophia besaß eine Bibi-Blocksberg-Spielfigur, die sie stets in einem neongelben Brustbeutel mit sich herumtrug, ich einen Donald Duck aus einem Überraschungsei, von dem ich so tat, als sei auch er eine Hexe. Pikka konnte unserer Begeisterung nichts abgewinnen, und schüttelte immer nur gelangweilt den Kopf, wenn wir mit den Figuren spielten.
Wir vertrieben uns die Zeit im Hinterhof, zeichneten mit Straßenkreide Muster an den Schuppen, hockten uns auf den Boden, um Ameisenstraßen zu beobachten, versteckten uns hinter dem Baum, dort, wo nichts wuchs, weil kein Licht einfiel und nur eine Schicht schwarzer Erde den Boden bedeckte, in die wir mit den Schuhsohlen einsanken, während Mücken uns die Arme zerstachen. Es gab nichts zu erleben bei mir zu Hause. Es gab keine Süßigkeiten, die Sophia und Pikka mochten (nur harte Kaugummis, oben im Küchenschrank), es gab keine Schaukel im Hinterhof oder sonst etwas, was sich zum Spielen geeignet hätte, wir ließen nur immer wieder einen Flummi springen. „Wenn wir in die Schule kommen“, sagte Sophia – es waren nur noch ein paar Wochen, und Wochen waren ein Zeitraum, den ich kaum überblicken konnte – „dann kann ich schon ein bisschen schreiben.“ Ihre Mutter brachte ihr einzelne Wörter bei. Als ich meine darum bat, sagte sie, ich würde mich später im Unterricht langweilen. Sie buchstabierte mir nur meinen Namen, der außerhalb der Wohnung einen anderen Klang hatte als drinnen, den sie draußen mit langem I aussprach, hölzern und bedacht darauf, dass niemand Verdacht schöpfte.
„Ist das etwas Türkisches?“, fragte Sophia, als wir durchs Treppenhaus liefen, und zeigte auf einen Wandteppich, den meine Mutter über eine unverputzte Stelle neben Großvaters Tür gehängt hatte, wobei sie das sch als ch aussprach – türkiches –, als mache sie sich sonst die Zunge daran schmutzig.
Auf den Schaukeln am Fluss waren wir stundenlang damit beschäftigt, Schwung zu holen und am höchsten Punkt abzuspringen, in der Hoffnung, der kurze Moment, in dem wir in der Luft standen, möge sich verlängern. Pikka beobachtete uns dabei, etwas abseits an die Streben des Klettergerüsts gelehnt, die Hände in den Hosentaschen. „Fliegen kann man nicht lernen“, rief er uns zu. „Entweder man kann es, oder man kann es nicht!“ Sophia sagte, sie habe es ein paarmal schon beinahe geschafft, während ihrer Voltigierstunden in der Reithalle am Hügel. Es habe beinahe funktioniert, als sie sich auf den Rücken des Pferdes gestellt hatte, die Hände an den Griffen des weißen Voltigiersattels, den sie langsam losließ, um die Arme zur Seite zu strecken, ganz auf den Rhythmus des Galopps abgestimmt. Wir stießen unsere Hacken in die groben Steinchen, mit denen der Boden unter den Schaukeln aufgeschüttet war, und liefen den Sandweg entlang bis zu den Pollern vor Conny’s Eck. Ab dem frühen Nachmittag standen dort ältere Männer in zu großen Jacken, die sie auch an Sommertagen trugen. An einem Stehtisch tranken sie Herrengedecke, der Geruch ihrer billigen Zigarillos bildete eine dicke Wolke um sie, und wenn man nicht aufpasste, riefen sie einem einen Spruch hinterher. Jetzt, zur Mittagszeit, war die Kneipe geschlossen, und der heruntergelassene braune Rollladen wölbte sich nach außen, als lehne jemand von innen mit rundem Rücken dagegen. „Traust du dich?“, flüsterte Pikka mir zu, er machte eine Mutprobe daraus, wer es wagte, gegen die Beule zu drücken und damit womöglich einen Betrunkenen zu wecken, der in unserer Vorstellung eingeschlafen und gegen die Jalousie gesunken war. Gemeinsam stemmten wir unsere Handflächen gegen den Widerstand, und dann liefen wir atemlos unter Gelächter die Straße hoch. Wir liefen zum Hügel, liefen über die Flusswiese, aber nie zu nah ans Wasser, wie es uns eingebläut worden war. Wenn große Frachter kamen, schlugen die Bugwellen an die Wackersteine, holten Schwung, und wenn die Schiffe schon längst die Schleuse passiert hatten, spritzten sie weit ans Ufer. Wir machten uns einen Spaß daraus, kreischend vor den Fontänen davonzulaufen und den Leuten auf den Motorbooten zu winken, die mit hoher Geschwindigkeit an uns vorbeifuhren, so schnell, dass es aussah, als schwebten sie übers Wasser. Die Wellen, die diese Boote verursachten, waren nur ein leises Plätschern zwischen den Steinen.
Wenn man vom Spielplatz dem wilden Pfad folgte, der parallel zur Brückenauffahrt unter Bäumen verlief, gelangte man zu Sophias Haus. Es lag am Ende einer Spielstraße, die kaum befahren war. Einfamilienhäuser reihten sich mit Sicherheitsabstand aneinander, Zier- und Obstbäume, Carports und Stauden bestimmten die Gärten. Sophias Haus war weiß getüncht und die Fenster in leuchtendem Rot umrandet.
Sophias Mutter kam leise die Treppe herunter. Bei jedem Schritt schob sie mit einer eingeübten Bewegung die birnenhaften Hüften nach vorn, aus denen trotz aller Weichheit eine Festigkeit im Leben sprach: die Abende beim Volleyball, die sie sich schon in ihren frühen Zwanzigern angewöhnt hatte, die Vorliebe für dunkles Brot. Sie trug Pullover aus melierter Wolle und eine Brille mit roten Metallbügeln, zwei dünne Stege über der Nasenwurzel, kein Rand um die Gläser. Ein dünner blonder Pony, den sie mit einer Rundbürste föhnte, die Haarspitzen berührten die Augenbrauen, und wenn sie den Kopf drehte, wackelten die Strähnen hin und her. In der Ecke des Treppenabsatzes stand eine Glasschale mit Schwimmkerzen, in die sie im Vorbeigehen einen prüfenden Blick warf.
Im Badezimmer gab es zwei Waschbecken, auf der Seite der Mutter stand ein Seifenspender aus Glas und Edelstahl, sonst nichts; an der Wand war ein zusätzlicher Vergrößerungsspiegel befestigt. Alles andere hatte sie in den Schubladen darunter verstaut. Flache Plastikschalen teilten die Fächer auf, ihre Zahnbürste legte sie in ein längliches Abteil, daneben, in einer anderen Schale, die Gesichtscremes für Tag und Nacht; Zahnseide, Abschminkpads, eine Reinigungsmilch aus derselben Serie wie die Cremes. Ganz oben bewahrte sie ihre Schminke auf. Die Lippenstifte in schwarzen Hülsen, abgegriffen und ein bisschen verkratzt von den Schlüsseln in den Handtaschen, in die Sophias Mutter sie tagsüber warf; Goldränder zwischen schwarz und schwarz. Alle hatten die gleichen Abnutzungsspuren, eine scharf zulaufende und zerbrechlich wirkende Spitze in der Mitte, weil sie Ober- und Unterlippe gleichzeitig bemalte, indem sie die Spitze zwischen die Lippen klemmte. Gepresste Puder in hellem Beige, durch die schon der Boden der Pfännchen durchschien; Lidschattenpaletten, dessen hell- und dunkelbraune Farben am meisten benutzt wurden, die blaue nur gelegentlich; metallisch glänzende Tuben, schon halb ausgepresst, von denen ich nicht wusste, wozu man sie benutzte. Aus alldem sprach ein sicheres Frausein, aus der Kosmetikschublade und aus ihren Taschen aus Leder, den Stiefeln, die sie im Winter trug und die aussahen wie mit Bedacht aus dem Regal eines populären Schuhgeschäfts gezogen, das nur ich nicht kannte; schlichte Stiefel mit Absatz, die sie noch größer machten und ihren Gang nicht beeinträchtigten, es blieb dasselbe konzentrierte Hervorschieben der Hüften. Ein Paar klassische Stiefel, durch die sie aufgenommen war in eine Reihe bürgerlicher Leben, mit ein paar generationsbedingten Besonderheiten: der abgeschlossenen Bankausbildung, bei der sie ein Seidentuch hatte tragen müssen und mit den Fingern über feuchte orangefarbene Kissen gefahren war, bevor sie die Geldscheine abzählte; Leute, die vor der Glasscheibe ihres Schalters standen, ihr dabei zusahen und sie für seriös hielten, für jemanden, der man in finanziellen Angelegenheiten vertrauen konnte. „Damals in der Bank“, fing sie manchmal einen Satz an und schloss mit einem Erfahrungswissen, das sie unterscheiden sollte von den anderen Hausfrauen in der Straße. Eine forsche Disziplin, die sie dort gelernt hatte und mit der sie morgens alle Handgriffe ausführte, die Pausenbrote schmierte, wenn ich bei Sophia übernachtet hatte, das Tee- und Kaffeewasser aufsetzte (Tee für den Mann, Kaffee für sie); die schnellen Mascarastriche, mit denen sie ihre Wimpern tuschte, bevor sie uns zur Schule brachte. Ein fliehendes Kinn, das ihr bei alldem einen Ausdruck rührender Arglosigkeit verlieh.
„Es muss nicht immer alles Geld kosten“, hatte meine Mutter einmal zu ihr gesagt, und Sophias Mutter hatte ungläubig die Augen geweitet, denn natürlich musste es Geld kosten, das Ballett, die Reitstunden, eine umfassende Bildung, wie sie es nannte, konnte man nicht erreichen, indem man die Kinder zu den Brombeerhecken am Fluss schickte. Sophias Mutter schien im Gegensatz zu meiner einen Plan zu haben, den sie nicht bewusst bedenken musste und der sie trotzdem in allem lenkte. Er hatte sie in dieses Einfamilienhaus gebracht, in eine glückliche Ehe, zu immer glatt rasierten Beinen, zu dem Zierrasen, über dem ein Regenbogen stand, wenn die Sprinklermaschine frühmorgens einen feinen Schauer versprühte. In diesem eingefassten Garten befand sich das Paradies, und es wurde nicht berührt von den Kühltürmen, die hinter der äußeren Hecke aufragten; Sophias Mutter blendete sie einfach aus.
Filterblasen gab’s also offenbar schon früher, und sind eigentlich immer die bösen Algorithmen schuld daran, wenn die Gesprächsbereitschaft immer mehr abzunehmen scheint? Eine gute Übung in Empathie ist in der Agentur nicht nur mit den anderen Kreativen, sondern auch mit dem Kontakt, der Produktion und den Techies zu reden. Das garantiert überraschende Einblicke.