Hella (69) und Juli (15) begegnen sich auf der Autobahn. Hella fährt ohne Rückkehrabsicht Richtung Schweiz. Juli fällt ihr direkt von einer Grünbrücke vors Auto. Nachdem Hella das leicht verletzte Mädchen im Krankenhaus versorgen ließ, reisen die beiden zusammen weiter, zunächst Richtung Ulm. Denn nach Hause will keine von beiden.
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Der Passat schwamm auf der regennassen Autobahn weiter gen Süden. Auf einem Schild am Fahrbahnrand verabschiedete sich schließlich das Bundesland Nordrhein-Westfalen mit einem müden Tschüss und fügte schüchtern an, dass man bald ja mal wieder vorbeischauen könne. Keine hundert Meter weiter ein neues Schild: „Willkommen in Hessen“ und darunter, kleiner noch, prangte der Kompromiss, auf den sich eine überteuerte Hamburger Werbeagentur schlussendlich und sehr bekokst geeinigt haben musste: „An Hessen führt kein Weg vorbei.“
„Schau mal im Handschuhfach nach, ob du die Nikotintropfen findest“, sagte Hella und drückte Juli ihre E-Zigarette in die Hand.
Juli wühlte im schwachgelben Licht der Innenraumbeleuchtung im Handschuhfach herum, wühlte sich durch einen Faltatlas von 1987, eine angebrochene Tüte Erdnussflips und jede Menge Kassetten und CDs. Die Nikotintropfen ertastete schließlich Hella selbst im Fach der Fahrertür.
In Ermangelung anderer Ablenkungen studierte Juli die CD-Hüllen.
„Ende in Sicht“, versprach der grelle Titel eines Albums, darunter das Foto einer Sängerin, die Juli dunkel bekannt vorkam. Das Cover war ein ästhetisches Verbrechen, eine junge Frau im Bikini, die vor einer Standtapete ihre Arme in die Höhe riss.
Hella bemerkte Julis strenge Bewertung ihres Musikgeschmacks nicht. Die Müdigkeit ergriff sie erneut, verdammtes Alter, sie kurbelte das Fenster herunter und drückte in der Absicht, die Lautstärke des lokalen Musiksenders auf das Maximum zu bringen, wild auf den Knöpfen des Autoradios herum. BRRRS BSSS KRCHH, protestierte das Radio, das Hella aus Versehen auf Langwelle gestellt hatte, in ohrenbetäubender Lautstärke.
„MACH WAS!“, rief Hella, wozu hatte man schließlich so einen Teenager an Bord, dies war doch die neue Generation, die quasi schon im Mutterleib ihren ersten iPod bediente.
Juli blickte entsetzt auf das Autoradio vor ihr, die eckigen, antik anmutenden Digitalbuchstaben, die viel zu vielen Knöpfe.
In ihrer Panik machte sie zwei Knöpfe aus, die mit Pfeilen versehen waren, und drückte wild darauf. Anstatt aber wie erwartet leiser zu werden, wechselte das Radio nur von „KRCCCH“ zu „PIEPPSSS“.
Juli versuchte, die fremden Knöpfe zu entziffern, FM, AM, CD.
CD, endlich, das kannte sie, hastig öffnete sie das Plastikcover und stopfte dem Autoradio mit der silbernen Scheibe das Maul.
Ein Pop-Intro folgte, das Juli bekannt vorkam. Und während die Musik zum Refrain ausholte, machte es klick: Dieses Lied hatte sie oft mit ihrem Vater gesungen, während sie ihm beim Aufräumen der Druckerei nach Feierabend geholfen hatte. Jahrelang hatten beide die immer gleiche Platte gehört.
Es war der dritte Song der ersten selbstgebrannten CD, den ihr Vater damals gemeinsam mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ und „Wind of Change“ mithilfe des auf Ebay erstandenen Brenners auf eine CD verbannte. Juli konnte alle Texte bis zum Erbrechen mitsingen.
„Mach das aus“, sagte Hella, doch Juli dachte nicht daran und summte abwesend mit.
Doch Hella schaltete das Radio aus, und Julis Stimme hing plötzlich orientierungslos und ohne Soundbett verloren in der Luft.
„Vor paar Stunden noch von der Brücke fallen und sich im Klo einsperren, aber jetzt mitsingen.“
Hella war gereizt.
Juli antwortete nicht. Sie fühlte sich, als sei sie bei etwas Verbotenem ertappt worden. Einige Minuten herrschte Schweigen im Passat.
„Woher kennst’n du das Lied überhaupt?“, fragte Hella schließlich.
„Das haben mein Vater und ich immer gehört. Wir hatten nur so zwei CDs, das war auf einer davon.“
„Mhm“, sagte Hella und blickte geradeaus.
Julis Wangen brannten. Sie starrte auf ihren Schoß, auf die Frau, die offensichtlich sehr glücklich auf dem verblichenen CD-Cover abgebildet war. Einige Tattoos schmückten ihren Körper, eine Rose auf dem Dekolleté, den Schriftzug auf dem Arm: Sag niemals nie entzifferte Juli. Als es nichts Neues mehr auf dem Cover zu entdecken gab, ließ Juli ihren Blick durch den Fond schweifen. Jede Menge Müll, Kupfergeld, eine Sonnenbrille, der ein Bügel fehlte.
Juli blickte auf den Unterarm ihrer Fahrerin, der auf dem Schaltknüppel ruhte. Bis zum Ellbogen verdeckte ihre Strickjacke die Haut, aber selbst im schwachen Licht des Passat entzifferte Juli, als sie angestrengt die Augen zusammenkniff, ein mittlerweile verblasstes Tattoo: … mals nie.
Julis Blick schwenkte von dem Arm auf das Cover und wieder zurück, während ihr Hirn sich schlicht weigerte, daraus den nahestehenden Rückschluss zu ziehen.
Hella strengte die plötzliche Stille genauso an wie Juli. Sie versuchte sich auf die Fahrbahn zu konzentrieren und dachte gleichzeitig darüber nach, welche unverfängliche Frage sie einem Teenager-Mädchen stellen könnte. Sie entschied sich für eine höfliche, harmlose Small-Talk Frage, um das Schweigen zu brechen und Juli nicht gleich zu verschrecken. Ihre Stimme allerdings gehorchte nicht und erkundigte sich statt nach dem Wetter, einer Übersprungshandlung folgend, etwas überhastet: „Und du hast dich mit deinen Eltern verkracht, oder warum möchtest du nicht nach Hause?“
Juli wusste nicht genau, was sie antworten sollte. Sie konnte sich schließlich kaum an so etwas wie eine Mutter, die klassischerweise ja fünfzig Prozent eines Elternpaares ausmachte, erinnern.
„Meine Eltern sind getrennt. Ich wohn bei meinem Vater“, entgegnete sie schließlich, und das war kaum gelogen, eine entschiedenere Trennung als komplette Abwesenheit gab es schließlich nicht.
„Und was ist mit deiner Mutter?“
„Die lebt woanders. In, ähm, in Ulm.“ Juli zuckte nicht einmal bei der Lüge. Ulm, da war sie noch nie gewesen, und es klang in ihren Ohren mindestens genauso fremd und wenig vertrauenswürdig wie die frühen Antworten ihres Vaters, wenn sie nach der Mutter gefragt hatte: Seine „Deine Mutter ist auf einer wichtigen Expeditionsreise, um die Schnecken Neuguineas zu untersuchen“ oder „Deine Mutter forscht gerade, ob es in der Antarktis an Land lebende Weichtiere gibt“ damals waren immerhin mindestens genauso verlogen und fantastisch erfunden wie „Ulm“.
„Sie können mich irgendwo auf der Strecke raussetzen, dann nehm ich von da zu ihr einfach die Bahn“, sagte Juli.
„Mitten in der Nacht fährt doch sicher kein Zug mehr.“
Hella war nie gerne Bahn gefahren. Es gab weniges, das in ihr noch mehr Unbehagen auslöste, als mit einer Vielzahl fremder Menschen in einem engen Waggon eingekesselt zu sein und lediglich die ungepflegte Bordtoilette und den Speisewagen als Fluchtmöglichkeit zu wissen, dessen aufgewärmte Fertigkost und Auswahl an Alkoholika mit der Gourmetklasse von osteuropäischen Pommesbuden und Flugzeugnahrung konkurrierte. Ihre letzte Bahnreise lag deshalb gut ein Vierteljahrhundert zurück, und Hella war sich sicher, dass sich die Umstände in der Zwischenzeit nicht grundsätzlich zum Guten gewendet hatten.
„Wo müssen Sie denn hin?“
„In die Schweiz.“
„Urlaub?“
„So in der Art, ja. Ich überlege, langfristig da zu bleiben.“
Das war immerhin fast wahr. Lügen, das fiel auch Hella nicht schwer.
„Also zurück zu deinem Vater willst du nicht.“
Juli schüttelte den Kopf, und Hella starrte einen Moment nach vorne auf die Fahrbahn, versuchte ihre Gedanken zu ordnen.
„Wenn wir die 7 nehmen, fahr ich eh an Ulm vorbei, da kann ich dich rauslassen. Aber erst mal“, bemerkte sie, „brauch ich ein paar Stunden Schlaf. Da vorne ist ein Motel, da halten wir erst mal. Und morgen kann ich dich weiter mitnehmen, wenn du es nicht ganz eilig hast.“
„Das ist in Ordnung. Morgen reicht“, sagte Juli.
„Dann schreib aber wenigstens deinen Eltern und gib Bescheid. Sonst heißt es am Ende, ich hätte dich entführt.“
Aus der eigenen Blase heraustreten und die Welt von einem fundamental anderen Standpunkt aus ansehen ist fast immer eine Bereicherung. Wenn du also die Möglichkeit hast, einen Tag lang einen Außendienstmitarbeiter eines deiner Kunden zu begleiten, dann mach das. Wenn du also die Möglichkeit hast, einer Gruppendiskussion über deine Kampagne zuzuhören und zuzusehen, dann mach das. Wenn du also die Möglichkeit hast, Produktmuster auf dem Hauptbahnhof zu verteilen, dann mach das. Dich ungewohnten Situationen auszusetzen, kann dir die eine und andere Illusion nehmen und dich mit Sicherheit bereichern.