„In den Außenbezirken“ aus „Blitzeis“ von Peter Stamm (1999)

Fremd in der Stadt, ja sogar auf einem anderen Kontinent. In der Weihnachtszeit. Der Erzähler der heutigen Kurzgeschichte trifft in der Kneipe auf einen poetisch veranlagten Mann, der von den anderen Gästen offensichtlich verachtet wird. Und für kurze Zeit entsteht beim Trinken und Reden eine Art Nähe zwischen Außenseitern.

Lesedauer gut sechs Minuten

Heiligabend hatte ich bei Freunden verbracht. Schon am Nachmittag hatten sie eine Flasche Champagner geöffnet, und ich war früh nach Hause gegangen, weil ich betrunken war und mein Kopf schmerzte. Ich wohnte in einem kleinen Studio im Westen von Queens. Am Morgen weckte mich das Klingeln des Telefons. Meine Eltern riefen aus der Schweiz an, wünschten mir frohe Weihnachten. Das Gespräch dauerte nicht lange, wir wußten nicht, was wir noch sagen sollten. Draußen regnete es. Ich machte mir Kaffee und las. 

Am Nachmittag ging ich spazieren. Zum erstenmal, seitdem ich hier wohnte, ging ich stadtauswärts, in die Außenbezirke. Ich kam auf den Queens Boulevard und folgte ihm in Richtung Osten. Die Straße zog sich breit und gerade durch immer gleiche Viertel. Manchmal folgte Geschäft auf Geschäft, und ich hatte den Eindruck, in einer Art Zentrum zu sein, dann kam ich in Wohngegenden mit Mietshäusern oder kleinen, schäbigen Reihenhäusern. Ich ging über eine Brücke, unter der ein altes, überwuchertes Gleis lag. Ein umzäuntes Grundstück voller Schutt und Abfälle folgte, eine riesige Kreuzung ohne Ampeln und ohne Verkehr. Dann kam ich wieder zu einigen Geschäften und einer Querstraße, über die, wie ein Dach, eine Subway-Linie gebaut war. Die Weihnachtsdekorationen in den Schaufenstern und das von Wind und Regen zerzauste Lametta, das in den Straßen hing, wirkten schon jetzt wie Überbleibsel aus einer längst vergangenen Zeit. 
Der Regen hatte nachgelassen, und ich blieb an der Straßenecke stehen, um mir eine Zigarette anzuzünden. Ich wußte nicht, ob ich weitergehen sollte. Da sprach mich eine junge Frau an und bat mich um Feuer. Sie sagte, es sei ihr Geburtstag. Wenn ich zwanzig Dollar hätte, könnten wir ein paar Sachen kaufen und ein kleines Fest machen. 

„Es tut mir leid“, sagte ich. „Ich habe nicht so viel bei mir.“ 
Sie sagte, das sei egal, ich solle hier auf sie warten. Sie gehe einkaufen und komme dann zurück. 
„Seltsam, daß du Weihnachten Geburtstag hast.“ 
„Ja“, sagte sie, als habe sie daran nicht gedacht, „das ist wahr.“ 
Sie ging die Straße hinunter, und ich wußte, daß sie nicht zurückkommen würde. Ich wußte, daß heute nicht ihr Geburtstag war, aber ich wäre trotzdem mit ihr gegangen, wenn ich genug Geld dabeigehabt hätte. Ich rauchte die Zigarette zu Ende und zündete mir eine zweite an. Dann machte ich mich auf den Weg zurück. 
Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße sah ich ein Pub. Ich ging hinein und bestellte ein Bier. 
„Bist du Franzose?“ fragte der Mann neben mir. „Ich heiße Dylan.“ Wie der große Dylan Thomas, sagte er, light breaks where no sun shines … 
„Hast du“, fragte Dylan, „in deinem ganzen Leben jemals ein Liebesgedicht von einer Frau an einen Mann gelesen?“ 
„Nein“, sagte ich. „Ich lese keine Gedichte.“ 
„Ich sage dir, das ist ein Fehler. Da findest du alles, in den Gedichten. Da steht alles drin.“ 
Er stand auf und stieg die kleine Treppe hinunter zur Toilette. Als er zurückkam, stellte er sich neben mich, legte einen Arm um meine Schultern und sagte: „Kein einziges! Die Frauen lieben die Männer nicht, glaub mir.“ 
Der Barmann machte mir ein Zeichen, das ich nicht verstand. Dylan zog ein abgegriffenes Buch aus der Tasche und hob es über unsere Köpfe. 
„Immortal Poems of the English Language“, sagte er. „Das ist meine Bibel.“ 
Überall im Buch steckten kleine, schmutzige Zettel. Dylan schlug eine der Stellen auf. 
Hör, wie die Frauen die Männer lieben“, sagte er und las: „Mrs. Elizabeth Barrett Browning: How do I love thee? Let me count the ways … Kein einziges Wort über ihn. Mrs. Browning erzählt nur, wie sehr sie ihn liebt, wie grandios ihre Liebe ist. Ein anderes …“ 
Ein alter Mann neben mir flüsterte: „Das tut er dauernd.“ Dann machte er dasselbe Zeichen wie vorher der Wirt. Ich begann zu verstehen, aber ich war schon etwas betrunken und wollte noch nicht gehen. Ich lächelte nur und wandte mich wieder Dylan zu, der eine andere Stelle aufgeschlagen hatte. 
„Miss Brontë“, sagte er, „auch sie! Cold in the earth, and the deep snow piled above thee! Far, far removed … So fängt es an, und dann beschreibt sie ihren Schmerz. Der Mann spielt überhaupt keine Rolle. Oder hier … Mrs. Rossetti: My heart is like a singing bird … My heart is like an apple-tree ... Das geht so weiter bis zur letzten Zeile, wo es heißt: Because my love is come to me. Nennst du das Liebe? Schreibt so ein Mensch, der verliebt ist? Ja, einer, der in sich selbst verliebt ist.“ 
Er steckte das Buch weg und legte mir wieder seinen kurzen Arm um die Schultern. 
„Die Liebe der Frauen, mein Freund … es gibt sie nicht. Sie lieben uns wie Kinder, wie ein Schöpfer seine Schöpfung liebt. Aber sowenig wie wir den Frieden mit Gott finden, finden wir den Frieden mit den Frauen.“ 
„Dann ist Gott eine Frau?“ fragte ich. „Natürlich“, sagte Dylan, „und, Jesus ist ihre Tochter.“ „Und du bist seine Schwester“, sagte der Barmann. 
„Ich mag keine Frauen mit Bart“, murmelte der alte Mann neben mir. 
Wir schwiegen. „Die Schwulen gehen alle in die Hölle“, sagte der Alte. 
„Auf diesem Niveau diskutiere ich nicht“, sagte Dylan böse und rückte näher zu mir, als suche er Schutz. „Wir zwei, wir sprechen von Poesie. Dieser junge Mann hat nicht solche Vorurteile wie ihr Schwachköpfe.“ 
„Die nächste Runde geht aufs Haus“, sagte der Barmann und schob eine Kassette mit Weihnachtsmusik in die Stereoanlage hinter sich. 
„God rest ye merry, gentlemen“, sang Harry Belafonte. 
„Eoh“, grölte ein junger Mann von einem der Tische, „he misadeh misadeeeho …“ 
Der Barmann stellte das Bier vor uns auf die Theke. Ich war inzwischen ziemlich betrunken. Ich hob mein Glas: „Es lebe die Poesie!“ 
„Na, sag nachher nicht, ich habe dich nicht gewarnt“, sagte der Alte. 
„Lies die Gedichte, die Männer für Frauen geschrieben haben“, sagte Dylan und zitierte auswendig. „She is as in a field a silken tent, at midday when a sunny summer breeze has dried the dew …” 
Bewegt schwieg er, blickte auf den schmutzigen Boden und schüttelte nachdenklich den Kopf. 
„Frauen sagen, ich bin romantisch, wie wenn sie sagen würden, ich bin Amerikanerin“, fuhr er fort. „Sie lieben es, wenn du sagst, du bist so schön, deine Augen leuchten wie die Sonne, deine Lippen sind rot wie Korallen, deine Brüste weiß wie Schnee. Sie glauben, sie sind romantisch, weil sie es lieben, wenn die Männer sie anbeten.“ 
Ich wollte widersprechen, aber er sagte: „Ich möchte dir nur die Augen öffnen. Laß dich nicht von den Frauen reinlegen. Sie ködern dich mit all ihrem überflüssigen Fleisch. Und wenn du angebissen hast, schlagen sie dir den Schädel ein und fressen dich auf.“ 
Ich lachte. „Du erinnerst mich an jemanden“, sagte Dylan. „Einen Freund?“ fragte ich. „Einen sehr guten Freund. Er ist gestorben.“ Ich ging zur Toilette. „Ich habe kein Geld mehr für den Bus“, sagte ich. „Ich bringe dich nach Hause“, sagte Dylan. 
Ich hatte gedacht, es müsse schon dunkel sein, aber als wir aus der Bar traten, war es heller Nachmittag. Es hatte aufgehört zu regnen. Der Himmel war noch immer bewölkt. Aber die niedrigstehende Sonne schien unter den Wolken hindurch. Die Häuser, die Bäume und die Autos glänzten vor Nässe und warfen lange, dunkle Schatten. Dylan hatte seinen Wagen auf dem Queens Boulevard geparkt. Er bog in eine Seitenstraße ein. 
„Ich muß nicht da runter“, sagte ich. „Das ist der falsche Weg.“ 
Dylan lachte. „Hast du Angst vor mir?“ fragte er. Ich schwieg. 
„Ich wende nur den Wagen“, sagte er. „Hast du vor den Frauen auch solche Angst?“ 
„Ich weiß nicht … Ich denke nicht.“ 
Schweigend fuhren wir in Richtung Manhattan. Ich war viel weniger weit gegangen, als ich geglaubt hatte. 
„Hier“, sagte ich. „Ich gehe das letzte Stück zu Fuß.“ 
Ich stieg aus und ging um das Auto herum. Dylan hatte die Scheibe heruntergekurbelt und reichte mir die Hand. 
„Danke, daß Sie mich nach Hause gebracht haben“, sagte ich, „und danke für das Bier.“ 
Dylan ließ meine Hand nicht los, bis ich ihm in die Augen blickte. Dann sagte er: „Danke für einen schönen Nachmittag.“ 
Als ich über die Straße ging, rief er mir nach: „Frohe Weihnachten.“ 

Texten kann eine einsame Angelegenheit sein Texter*innen müssen sich am tiefsten ins Produkt oder Angebot einlesen, tauchen in ganz neue Wissensgebiete ein und müssen sich mit Fachsprachen vertraut machen. Das führt zu einem differenzierten Blick auf die Aufgabe und deren Lösung und manchmal auch dazu, dass sie in der Agentur je nachdem als intellektuell oder klugscheißerisch angesehen werden. Ein gelegentliches Feierabendkaltgetränk mit dem Kontakt und/oder der Gestaltung hilft zur Entkrampfung.