Im Dickicht der Kriminalität geht es zwar häufig mörderisch und wild zu, beim Herausfinden der Umstände, Abläufe und Ursachen der Taten jedoch genauso häufig ruhig und konzentriert. Im folgenden Ausschnitt sprechen zwei Männer miteinander, die sich berufsbedingt kennen und einander geduldig zuhören – auch in Denk- und Redepausen – so schaffen sie es, sowohl den Hergang des gerade abgeschlossenen Kriminalfalls als auch berufliche Wertschätzung und die gegensätzlichen Zukunftsvorstellungen zu artikulieren.
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Die Stadt hatte den Ton leiser gedreht, und die doppelten Vorhänge von Divisionnaire Coudrier hatten sich dem Blick auf die Nacht geöffnet. Die letzte Kanne Kaffee, von Elisabeth gebracht und stehen gelassen, war noch warm. Inspektor Pastor, der mit geradem Rücken auf einem Empire-Stuhl saß, hatte soeben den zweiten Durchlauf seines mündlichen Berichts vorgetragen, der in allen Punkten dem ersten glich. Doch an diesem Abend schien Nebel über den Geist des Divisionnaire Coudrier gebreitet zu sein. Insgesamt betrachtet kam ihm der Fall vollkommen klar vor, doch sobald er die Einzelheiten durchdachte, wurde für ihn das Ganze dunkel, als habe ein Possenreißer mit einem einzigen, allerdings fantastisch konzentrierten Tropfen Unwahrscheinlichkeit einen glasklaren See getrübt.
COUDRIER: Pastor, seien Sie so gut und halten Sie mich für blöd.
PASTOR: Entschuldigen Sie, Monsieur, wie bitte?
COUDRIER: Erklären Sie mir das alles, ich verstehe nichts.
PASTOR: Sie verstehen nicht, dass ein Architekt sich renovierungsbedürftige Wohnungen zu einem Spottpreis unter den Nagel reißen möchte, um sie dann zu einem Spitzenpreis wie der zu verkaufen, Monsieur?
COUDRIER: Doch, das kann ich verstehen.
PASTOR: Sie verstehen nicht, dass ein Staatssekretär für Senioren ein Geschäft mit Zwangseinweisungen betreibt, wenn ihm das ein schönes Sümmchen einbringt?
COUDRIER: Notfalls schon.
PASTOR: Sie verstehen nicht, dass ein Chef des Rauschgiftdezernats sich zum Rauschgifthändler mausert, um im Alter ausgesorgt zu haben?
COUDRIER: Das ist schon vorgekommen, doch.
PASTOR: Aber dass die drei (der Rauschgiftfahnder, der Staatssekretär und der Architekt) sich zusammentun und den Gewinn teilen, das erscheint Ihnen unwahrscheinlich, Monsieur?
COUDRIER: Nein.
PASTOR: …
COUDRIER: Das ist es nicht. Es geht um eine Menge winziger Einzelheiten …
PASTOR: Zum Beispiel?
COUDRIER: …
PASTOR: …
COUDRIER: Warum hat diese alte Dame Vanini erschossen?
PASTOR: Weil sie zu schnell war, Monsieur. Jedes Jahr wird eine gewisse Anzahl unserer eigenen Leute genau aus diesem Grunde vom Dienst suspendiert. Deshalb schlage ich vor, die alte Dame nicht weiter zu behelligen, da sie ja jetzt entwaffnet ist.
COUDRIER: …
PASTOR: …
COUDRIER: Und diese junge Frau, diese Edith Ponthard Delmaire, die Tochter des Architekten, warum hat sie sich umgebracht? Dass ein Cercaire sich angesichts seines Bankrotts die Kugel gibt, ist verständlich (und sogar wünschenswert), aber ich habe noch nie erlebt, dass ein Rauschgifthändler aus dem Fenster springt, nur weil er ins Netz gegangen ist!
PASTOR: Sie war keine gewöhnliche Rauschgifthändlerin, Monsieur. Sie dealte, um dem Ansehen ihres Vaters zu schaden, von dem sie glaubte, er hätte eine weiße Weste. Plötzlich musste sie erfahren, dass sie bloß eine Handlangerin dieses Vaters war und sie früher hätte aufstehen müssen, um einem Halunken von diesem Kaliber am Lack zu kratzen. Mit ihrem Selbstmord zeigte sie ihm ihre Verachtung als Tochter. Die jungen Leute kultivieren das, seit die Psychoanalyse den Papa erfunden hat.
COUDRIER: Es ist wahr, heutzutage gibt es zwei Typen von Gesetzesübertretern: diejenigen, die keine Familie haben, und diejenigen, die eine haben.
PASTOR: …
COUDRIER: …
PASTOR: …
COUDRIER: Und dann, sagen Sie, Pastor, wenn ich mich nicht irre, haben Sie dieses ganze Durcheinander mit Hilfe eines zufällig gefundenen Photos entwirrt?
PASTOR: So ist es, Monsieur, eines Photos, das Edith Ponthard-Delmaire zeigt, wie sie einem alten Mann Amphetamintabletten zusteckt. Wenn Sie noch hinzufügen, dass vier Fälle, die dem Anschein nach nichts miteinander zu tun hatten (der Mord an Vanini, der Mordversuch an Julie Corrençon, die brutale Metzelei der alten Damen von Belleville und der Drogendeal mit den alten Männern), aufs engste miteinander verknüpft waren, so kann man sagen, dass an unserer Stelle der Zufall die Arbeit gemacht hat.
COUDRIER: Besser als ein Computer, ja.
PASTOR: Daher rührt auch der Ruf des Romanhaften, der unserem Metier anhängt, Monsieur.
COUDRIER: …
PASTOR: …
COUDRIER: Noch einen Schluck Kaffee?
PASTOR: Gern.
COUDRIER: …
PASTOR: …
COUDRIER: Pastor, ich wollte Ihnen schon lange etwas sagen.
PASTOR: …
COUDRIER: Ich habe Ihren Vater, den Staatsrat, sehr geschätzt.
PASTOR: Sie kannten ihn, Monsieur?
COUDRIER: Ich habe bei ihm Verfassungsrecht gehört.
PASTOR: …
COUDRIER: Er strickte während seiner Vorlesungen.
PASTOR: Ja, und jedes Mal, wenn er aus dem Haus ging, polierte meine Mutter ihm den Schädel mit einem Fensterleder.
COUDRIER: Ja, der Schädel des Staatsrats glänzte tatsächlich stets wie ein Spiegel. Er zeigte ihn uns zuweilen und sagte: „Falls Sie Zweifel haben sollten, meine Herren, dann treten Sie näher und betrachten Sie sich das Spiegelbild Ihres Gewissens.“
PASTOR: …
COUDRIER: …
PASTOR: …
COUDRIER: Trotzdem … in einer Welt, in der serbische Altphilologen in den Katakomben von Paris alte Damen zu Scharfschützen ausbilden und diese dann Polizisten umlegen, die zu ihrem Schutz abgestellt sind, in einer Welt, in der Buchhändler im Ruhestand zum Ruhm der Literatur wie Berserker morden und ein böses Mädchen sich aus dem Fenster stürzt, weil ihr Vater ein noch größerer Bösewicht ist – in einer solchen Welt wird es Zeit, dass ich mich aufs Altenteil setze, mein Junge, und mich ganz der Erziehung meiner Enkel widme. Sie werden meine Stelle einnehmen müssen, Pastor. Im Übrigen scheinen Sie begabter als ich, die Widersprüche unserer Zeit zu verstehen.
PASTOR: Trotzdem wird diese unsere Zeit auf meinen Scharfsinn verzichten müssen, Monsieur. Ich bin hier, um Ihnen meine Kündigung einzureichen.
COUDRIER: Na kommen Sie! Langweilen Sie sich schon, Pastor?
PASTOR: Nein, das ist es nicht.
COUDRIER: Darf man wissen, was?
PASTOR: Ich habe mich verliebt, Monsieur, und ich kann nicht zwei Dinge auf einmal machen.
Miteinander schweigen kann zu größerer Nähe und größerem emotionalen Verständnis führen als permanentes miteinander Schwatzen. Nur weil ein Spot 30 Sekunden dauern soll, braucht er nicht mit Dialog bis zum Anschlag befüllt werden. Jemandem beim Denken zusehen und so selbst zur Erkenntnis kommen, ist nachhaltiger und unterhaltender als viermal den Claim um die Ohren gehauen zu bekommen.
1 Gedanke zu „„Wenn alte Damen schießen“ von Daniel Pennac (1987)“
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