„Justiz“ von Friedrich Dürrenmatt (1985)

Im Folgenden werden wir Zeuge eines spontanen Gesprächs in einem Café in Zürich. Es entspinnt sich zwischen dem jungen Rechtsanwalt Spät und dem sehr erfolgreichen Architekten und Bodenspekulanten Friedli. In allerbester Laune erzählt dieser vom grausigen Unfalltod eines Freundes. Dabei erklärt er dem verblüfften Spät, welche positiven Folgen er sich davon verspricht. Denn Friedli denkt offensichtlich nicht nur in geschäftlichen Dingen strategisch, sondern auch in Herzensangelegenheiten.

Lesedauer etwa drei Minuten

Architekt Friedli: saß neben ihm kurz darauf im „Select“, den Brief immer noch in der Tasche. Select: Café, vor dem man sitzt und sitzen bleibt, seit jeher, seit ewig, oder doch seit Jahrmillionen, als noch die Brontosaurier den Fluß hinunterwateten, saß man schon da. Friedli kannte ich von meiner Stüssi-Leupin-Zeit her, er hatte bisweilen Schwierigkeiten mit seinen Bodenspekulationen, doch konnte ihn nichts hemmen, er war und ist noch die Fettlawine, die unsere Stadt reinfegt, so daß in den Schneisen sich Geschäftshäuser, Appartementhäuser, Mietshäuser neu erheben, nur teurer als vorher, zu entsprechend fetten Preisen. Die Naturkatastrophe näher besehen: fünfzigjährig, schwitzende enorme Speckwülste, die Augen klein und funkelnd, irgendwo hineingesteckt, die Nase winzig, auch die Ohren, sonst alles riesig, Selfmademan, ein Kind der Langstraße (meine Alte, lieber Spät, ist zu fremden Leuten waschen gegangen, mein Alter hat sich zu Tode gesoffen, habe noch selber bei der Beerdigung eine Flasche Bier in sein Grab gegossen), nicht nur Radsportmäzen, ohne dessen Sonderpreise kein Sechstagerennen denkbar ist, an dem er inmitten des Hallenstadions thronend Unmengen von St.-Galler Schüblig und Wienerwürstchen verschlingt, sondern auch Musikförderer, dank dessen das Tonhalleorchester und unser Opernhaus nicht ins ganz und gar Mittelmäßige sinken, der Klemperer, Bruno Walter, ja sogar Karajan verlockte, bei uns zu dirigieren, und jetzt Mondschein protegiert, so daß er unsere Stadt, die er duch Neu- und Umbauten so gründlich verschandelt, wenigstens wieder etwas musisch verklärt. 
Er erkannte mich auf der Stelle. Der Morgen war wie gesagt föhnig und warm, man fühlte sich zu Hause, war wie gelähmt und verhext in der Schlappheit des Klimas, saß zuammengedrängt, ich an Friedli geklebt, der bester Laune war, einen Gipfel um den anderen in einen Milchkaffee um den anderen tunkte, unmäßig, schmatzend, schlürfend, der Kaffee lief in braunen Streifen über seine seidene Krawatte und über das weiße Hemd. 
Der Ursprung seiner Freude war eine Todesanzeige in unserem weltbekannten Lokalblatt. Es hatte Gott dem Herrn gefallen, durch einen tragischen Unfall „unseren unvergessenen Gatten, Vater, Sohn, Bruder, Onkel, Schwiegersohn und Schwager Otto Erich Kugler zu sich zu rufen. Sein Leben war lauter Liebe.“ 
„Ihr Feind?“ fragte ich. 
„Mein Freund.“ 
Ich kondolierte. 
„Da muß er gegen Cham und in einen Baum sausen, der brave, gute, liebe Kugler“, erläuterte Friedli, strahlend, Kaffee schlürfend, Gipfel tunkend und essend, „kugelt ins ewige Leben.“ 
„Das tut mir leid“, sagte ich. 
„Seinen Fiat sollten Sie erst gesehen haben, ein einziges Blechschlamassel.“
„Schauerlich.“ 
„Schicksal. Müssen alle mal sterben.“ 
„Offenbar“, sagte ich. 
„Mensch“, sagte er, „Sie wissen wohl gar nicht, was dieser Schicksalsschlag für meine Wenigkeit bedeutet?“ 
Ich wußte es nicht. Die massive Wenigkeit glotzte mich freundschaftlich an. 
„Kugler hinterläßt eine Witwe“, erklärte er, „ein herrliches Weib.“ 
Mir ging ein Licht auf: „Und dieses herrliche Weib wollen Sie nun heiraten.“ 
Architekt Friedli schüttelte jenen Teil seines Fettes, in welchem man den Kopf vermuten konnte: „Nein, junger Mann, ich will nicht die Witwe heiraten, sondern die Frau ihres Geliebten. Auch ein Prachtweib. Kapiert? Ganz einfach: Heiratet der Liebhaber die Witwe, muss er sich vorher scheiden lassen, und dann heirate ich seine Frau.“ 
„Gesellschaftsmathematik“, sagte ich. 
„Kapiert.“ 
„Nur müssen Sie sich dann auch scheiden lassen“, gab ich zu bedenken und hoffte vage auf ein Geschäft. 
„Bin ich. Schon seit einer Woche. Meine fünfte Scheidung.“ 
Wieder nichts. 

Jede Veränderung bewirkt andere Veränderungen. Schließlich müssen Lücken und Vakua gefüllt werden, und das bedingt den Ortswechsel von Menschen, Material und Moneten. Firmeninterne Mitteilungen von Reorganisationen gehören zu den intensivst gelesenen und diskutierten Texten überhaupt, auch wenn sie stilistisch meist, nun, eher dürftig gehalten sind. Ein schönes Beispiel für die Überlegenheit des Inhalts über die Form.