Geburtstage müssen gefeiert werden. Das ist Brauch in der Cannery Row von Monterey (Kalifornien). Hier, im begrenzten Kosmos der Sardinenfabriken, lebt in der Zeit der großen Depression eine bunte Gesellschaft von Lebenskünstlern, die es im Folgenden so richtig krachen lassen, um ihrem Freund und Gönner eine Geburtstagsfreude zu machen. Auch Überraschungsgäste werden gern willkommen geheißen. Kurz: Ein fröhliches Straßenfest der ganz besonderen Art.
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Obschon die Wesensergründung von Partys erst in ihren Anfängen steckt, besteht nirgends ein Zweifel darüber, daß die Party ein Individuum ist, und zwar ein recht verschrobenes Individuum. Auch darüber sind die Gelehrten sich einig, daß keine Party planmäßig verläuft, mit Ausnahme natürlich jener traurigen Veranstaltung berufsmäßiger Einladungsbestien, doch sind dies eigentlich keine Partys, sondern vielmehr Vorgänge, Akte, in keiner Hinsicht spontaner als der Verdauungsakt und nicht interessanter als dessen Produkt.
Vermutlich gab es im Cannery Row niemanden, der nicht im Geiste Docs Party vorausgelebt hätte: frohe Begrüßung, Glückwünsche, Staunen, Jubel, Lärm, Lachen und Herzlichkeit. Stimmte alles nicht.
Um acht Uhr präzis nahmen Mack und Genossen, geschniegelt und gebügelt, ihre Krüge auf, marschierten über Hühnersteig, Schienenstrang, leeren Platz, Ölsardinenstraße die Treppe zum Western Biological hinauf und waren scheußlich verlegen. Als Doc die Tür öffnete, hielt Mack eine kleine Ansprache. „Sie haben doch heute Geburtstag, und da dachten ich und die Jungens, wir wollen gratulieren, wir haben auch ein Geschenk, einundzwanzig Kater –“ Hier blieb er stecken. Wie verirrt standen die fünf auf der Treppe.
„Wollt ihr nicht eintreten?“ sagte Doc. „Ich, ich bin ja ganz überrascht, ich hab‘ gar nicht gewußt, daß ihr wißt, daß ich Geburtstag habe.“ – „Es sind lauter Kater“, erklärte Hazel, „wir haben sie bloß nicht mitgebracht.“
Steif saßen sie im Zimmer links. Es herrschte ein längeres Schweigen, bis Doc das Wort ergriff: „Na, jetzt wo ihr schon hier seid, wie wäre es mit einem kleinen Trunk?“ – „Wir haben ein Schlückchen mit“, erklärte Mack und wies auf drei Fünfliterkrüge mit den Resultaten von Eddies Alkoholsammlung. „Ganz ohne Bier drin“, bemerkte Eddie dazu mit Genugtuung.
„Nein, das kann ich nicht zugeben“, zierte sich Doc, „aber ich habe per Zufall ein bißchen Whisky; das müßt ihr mit mir trinken!“
Sie saßen sehr förmlich und nippten vornehm am Whisky, als Dora mit ihren Damen angerückt kam. Die Steppdecke trugen sie vor sich her. Doc breitete das Wunderwerk über sein Bett. Es war eine wahre Pracht.
Auch die Damen genehmigten einen kleinen Drink.
Es folgten Mr. und Mrs. Malloy mit ihren Geschenken. „Die wenigsten Leute haben eine Ahnung, was für einen Wert diese Sachen da noch einmal haben werden“, erläuterte Sam Malloy und packte den Kolben und die Pleuelstange aus. „Davon gibt es auf der ganzen Welt höchstens noch zwei Exemplare.“
Nun strömten die Gäste. Henri brachte sein Nadelkissengemälde, Format sechzig mal achtzig, und wollte schon einen Vortrag über diese neue Kunstrichtung vom Stapel lassen – aber da war schon das Eis der Förmlichkeiten gebrochen. Gay kam mit seiner Frau; Lee überreichte acht Meter Feuerwerksschnur und die chinesischen Lilienzwiebeln. Gegen elf fraß ein Gast die Zwiebeln; die Feuerwerksböller hielten ein bißchen länger. Aus La Ida erschien eine Gesellschaft, die den übrigen nur vom Sehen bekannt war.
Die Party verlor ihre Steifheit. Dora thronte auf einem erhöhten Sitz, ihr Orangenhaar flammte. In der Rechten hielt sie ihr Whiskyglas, den kleinen Finger vornehm abgespreizt. Sie hatte ein scharfes Auge auf ihre Mädchen und gab acht, daß sie sich benahmen. Doc legte eine Tanzplatte auf den Apparat und begab sich darauf in die Küche, um Steaks zu braten.
Der erste Krach verlief mustergültig. Einer von der La-Ida Gruppe machte einer von Doras Damen ein unmoralisches Angebot. Auf ihren Protest hin setzten Mack und die Jungens, empört über diesen Hausfriedensbruch, den Fremdling rasch vor die Tür, ohne ihm einen einzigen Knochen im Leib zu zer brechen, ein Meisterstück, das allgemein höchlichst bewundert wurde.
Doc briet die Steaks an Spießen, schnitt Tomaten in Scheiben und baute einen hohen Brotschnittenturm. Er fühlte sich glücklich und war beruhigt, denn Mack führte in eigener Person die Aufsicht über den Plattenspieler. Er hatte ein ganzes Album Benny Goodmanscher Trios entdeckt; der Tanz begann, und die Party gewann an Breite und Tiefe. Eddie steppte solo im Nebenzimmer.
Doc hatte neben sich auf dem Herd eine Pinte Whisky stehen. Mit jedem Schluck fühlte er sich wohler. Das Fleisch, das er bald darauf auftrug, bildete dann eine der größten Überraschungen der Überraschungsparty. Natürlich hatte kein Mensch Hunger, so daß die Platten im Nu geleert waren.
Das reichliche Mahl versetzte alle in einen Zustand besinnlicher Verdauungsmelancholie. Der Whisky war schon vertilgt, Doc kredenzte den vorsorglich besorgten Wein.
„Doc“, tönte Doras Stimme vom Thron herab: „Spiel uns doch etwas von deiner schönen Musik. Drüben von unserem Musikautomaten wird mir übel und weh!“
Da ließ Doc Monteverdis „Ardo“ und den „Amor“ erklingen. Die Gäste saßen still; ihre Augen schienen nach innen gekehrt. Dora trank Schönheit. Zwei Nachzügler kamen auf Zehenspitzen die Treppe herauf und verharrten lautlos beim Eingang. Doc lauschte in golden verklärter Melancholie.
[..]
Sie füllten die Gläser mit Wein und fühlten Beruhigung in ihren Herzen. Die Feier entglitt in süße Traurigkeit. Eddie tanzte im Nebenzimmer noch einen Solostep, kehrte zurück und nahm wieder Platz. Die Party stand im Begriff, sich niederzulegen und einzuschlafen, als auf der Treppe sich ein Gepolter erhob und eine rohe Stimme schrie: „Wo sind die Mädchen?“
Fast glücklich sprang Mack auf und ging zur Tür. Auch die Gesichter von Hughie und Jones waren von freudigem Lächeln erhellt. „An was für Mädchen denken die Herren?“ fragte Mack sanft.
„Das ist doch ein Puff, nicht wahr? Der Chauffeur hat uns gesagt, die Menscher wären hier.“
„Ein kleiner Irrtum, Mister“, klärte Mack den Mann auf; seine Stimme klang wohlgemut.
„Ja, was sind denn das für Menscher, die da?“
Ein Kampf entspann sich. Es war die Mannschaft eines Thunfischdampfers von San Pedro, lauter kampferprobte und harte Gesellen. Beim ersten Ansturm hatten sie die vorderste Front der Palace-Clique durchbrochen. Doch schon hatten Doras Mädchen sich einen Schuh ausgezogen – wer sagt jemals noch ein abfälliges Wort gegen spitze Absätze? Mitten im wütenden Handgemenge hämmerten die Mädchen damit gegen jeden, der ihnen nahte, Dora war in die Küche gesprungen und schwang, im Nu zurückgekehrt, wutschnaubend den Küchenschleifstein in beiden Händen. Doc aber ergriff geistesgegenwärtig Sam Malloys antike Pleuelstange mit Kolben.
Es war eine prachtvolle Schlacht. Da Hazel ausglitt, bekam er zwei in die Visage, ehe er wieder auf beiden Beinen stand. Krachend stürzte der Franklin-Ofen zusammen.
In einer Ecke zusammengedrängt, verteidigten sich die Eindringlinge mit schweren Folianten, die sie den Büchergestellen entnahmen, aber Schritt für Schritt gewannen Docs Freunde an Boden. Die beiden Frontfenster gingen in Trümmer.
Dieser glückliche Umstand brachte den Sieg. Denn nun vernahm Alfred den Lärm, eilte herbei und griff den Feind mit einem Baseballschlagholz im Rücken an. Über die Treppe wogte der Kampf und tobte über die Gasse hinüber zum leeren Platz. Die Eingangstür hing wieder nur in einer einzigen Angel. Docs Hemd war zerfetzt; von seiner schlanken Schulter tropfte das Blut einer Kratzwunde.
Die Feinde waren bereits bis in die Mitte des Platzes gedrängt, als Polizeisirenen ertönten. Kaum fand die Geburtstagsgesellschaft Zeit, zurück ins Labor zu stürzen, die Lichter zu löschen, als schon ein Polizeiwagen um die Ecke flitzte. Die Cops fanden den Kampfplatz leer und verödet. Während die Gäste im Finstern selig kichernd und trinkend beisammen hockten, zog das Aufgebot unverrichteterdinge ab.
In der Flotten Flagge erfolgte die erste Ablösung. Das neue Kontingent jubelte in bacchantischer Lust durch Docs Haus. Jetzt wurde die Party erst richtig. Die Cops kamen noch einmal, revidierten das Haus, befeuchteten ihre durstigen Kehlen und hielten mit. Unterdessen nahmen Mack und die Jungens das Polizeiauto, fuhren damit zur Schenke von Jimmy Bruscia und kehrten mit Wein und Jimmy zurück.
Von einem bis zum anderen Ende der Cannery dröhnte der Höllenlärm, und bald wies die Party alle Merkmale eines Volksaufstands auf; Doc dachte unwillkürlich an Barrikadenkämpfe. Die Mannschaft des Thunfischdampfers kehrte demütig wieder und wurde auf ihre Bitten hin in den fröhlichen Kreis aufgenommen, ja, es fehlte sogar nicht an Umarmungen und Stimmen lauter Bewunderung ihres heroischen Kampfesmuts. Eine Dame, die fünf Straßen weiter wohnte, beschwerte sich telefonisch bei der Polizei über die nächtliche Ruhestörung, ersuchte um Hilfe, die man ihr aber nicht schickte. Die Cops meldeten dem Revier, ihr Auto sei leider gestohlen. Es fand sich später unten am Strand.
Mit untergeschlagenen Beinen und stillem Grinsen saß Doc auf seinem Tisch und spielte auf seinen Knien Klavier. Mack und Phyllis führten einen indianischen Ringkampf auf, und durch die zerbrochenen Fenster blies laulich vom Meerbusen her der Nordwest. Diesen Moment hielt einer der Anwesenden für geeignet, in der Bibliothek die acht Meter lange Böllerschnur anzuzünden.
Auch wenn man mit den besten Absichten darangeht: Es gibt diese Aufträge, bei denen man von Anfang an ein komisches Gefühl hat. Meist ist dabei das Briefing zu wenig klar, weil die Kundin nicht weiß, was sie will. Oder weil der Kreativdirektor etwas anderes will als die Strategie. Oder weil der Markt schon viel weiter ist, als der Kunde das wahrnimmt.
Gerne werden solche Aufträge mit dem Scheinargument: „Da ist Ihre Kreativität mal so richtig gefragt, jetzt können Sie mal zeigen, was in Ihnen steckt!“ verziert. Ein Debakel mit Ansage: Kreation löst Strategieaufgaben.
Sich raushalten geht häufig nicht; da gilt es, mit möglichst wenig Aufwand und Emotionen durchzukommen. Nu, shit happens.
1 Gedanke zu „„Die Straße der Ölsardinen“ von John Steinbeck (1953)“
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