Himmelsmacht oder Teufelsränke? Nach einigen verwirrenden Studien als Gast in der Bibliothek eines Klosters verlässt der Novize Adson diese aufgewühlt und lässt sich von beunruhigenden Geräuschen in die Küche locken. Dort trifft er auf eine verängstigte junge Frau, deren gleichermaßen zarte wie überwältigende Anziehungskraft ihm neu und unwiderstehlich ist. Zwar versteht sie weder sein Latein noch seine Muttersprache Deutsch und er nur Spuren ihres Dialekts, aber auch im Mittelalter konnten ein Lächeln vermittelnd wirken und Unterhaltungen in Körpersprache geführt werden. Adsons Verwirrung erhält neue Nahrung und so fühlt er sich körperlich und geistig aktiviert.
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Denn auf einmal erschien mir das Mädchen ganz wie die schwarze, aber schöne Jungfrau, von der das Hohelied Salomonis spricht. Sie war angetan mit einem verschlissenen Kleid aus grobem Stoff, das sich recht schamlos über ihren Brüsten öffnete, und sie trug um den Hals eine Kette aus buntbemalten und sicher sehr billigen Steinen. Doch stolz erhob sich ihr Kopf auf einem weißen Hals, der wie aus Elfenbein war, ihre Augen leuchteten hell wie die Teiche zu Hesbon, ihre Nase war wie ein Turm auf dem Libanon, ihr Haar wie der Purpur des Königs in Falten gebunden. Ja, ihr Haar erschien mir wie eine Herde Ziegen, die am Berge lagern, ihre Zähne erschienen mir wie eine Herde Schafe, die frisch aus der Schwemme kommen und allzumal Zwillinge haben, und: „Du bist schön, meine Freundin, schön bist du“, kam es mir auf die Lippen, „dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die gelagert sind am Berge Gilead hernieder, deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur, deine Wangen sind wie der Ritz am Granatapfel zwischen deinen Zöpfen, dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, daran tausend Schilde hangen und allerlei Waffen der Starken.“ Und ich fragte mich ebenso hingerissen wie bang, wer diese da sein mochte, die da aufging vor mir wie die Morgenröte, schön wie der Mond, strahlend wie die Sonne, terribilis ut castrorum acies ordinata.
Da trat sie noch einen Schritt näher zu mir, warf das Bündel, das sie bisher an ihre Brust gedrückt, in eine Ecke und hob von neuem die Hand, mir die Wange zu streicheln, und wiederholte noch einmal die Worte, die ich bereits von ihr vernommen. Und während ich noch zögerte, ob ich nun fliehen oder näher herantreten sollte, und es mir in den Schläfen dröhnte, als bliesen alle Posaunen Josuas, um die Mauern Jerichos krachend zusammenstürzen zu lassen, und es mich ebenso drängte wie schauderte, sie zu berühren, ging plötzlich ein strahlendes Lächeln über ihr Antlitz, und mit einem leisen Seufzer wie von einer Ziege, die sich hat erweichen lassen, löste sie die Bänder, die ihr Kleid über der Brust zusammenhielten, und streifte es ab und stand vor mir, wie Eva einst vor Adam gestanden sein mußte im Garten Eden. „Pulchra sunt ubera quae paululum supereminent et tument modice“, murmelte ich die Worte, die ich von Ubertin vernommen, denn ihre Brüste erschienen mir wie zwei junge Rehzwillinge, die unter Lilien weiden, ihr Nabel war wie ein runder Becher, dem nimmer mangelt würziger Wein, und ihr Bauch wie ein Weizenhaufen, umsteckt mit Rosen.
„O sidus clarum puellarum“, rief ich entzückt, „o porta clausa, fons hortorum, cella custos unguentorum, cella pigmentaria!“ Und es zog mich hin zu ihr mit Macht, und ich spürte die Wärme ihres Körpers und den herben Geruch niegekannter Salben. Und der Spruch schoß mir durch den Sinn: „Kinder, wenn euch die Liebesglut überkommt, gibt es kein Halten mehr“, und ich begriff, daß ich nichts mehr vermochte gegen die Regung, die mich trieb, mochte das, was ich da empfand, nun höllische Machenschaft oder himmlische Gabe sein. „O langueo“, rief ich aus, und: „Causam languoris video nec caveo!“ Auch weil es von ihren Lippen wie Honig troff und ihre Beine wie Säulen waren und ihre Füße zierlich in den Sandalen standen und ihre Lenden sich bogen wie zwei Spangen, die des Meisters Hand gemacht hat. Oh Liebe, Tochter der Wonne, ein König hat sich in deiner Flechte verfangen, murmelte ich zu mir selbst, und dann lag ich in ihren Armen, und gemeinsam fielen wir auf den blanken Boden, und wenig später, ich weiß nicht, ob durch mein Betreiben oder durch ihre Kunst, sah ich mich meiner Kutte entledigt, und wir schämten uns nicht unserer Leiber, et cuncta erant bona.
Und sie küßte mich mit den Küssen ihres Mundes, und ihre Liebe war lieblicher denn Wein, und der Geruch ihrer Salben übertraf alle Würze, und ihre Wangen standen lieblich in den Kettchen und ihr Hals in den Schnüren. Siehe, meine Freundin, du bist schön, siehe, schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen (murmelte ich), laß mich dein Angesicht sehen, laß mich deine Stimme hören, denn deine Stimme ist wohlklingend und dein Angesicht zauberhaft, du hast mich verzaubert, du hast mich vor Liebe krank gemacht, meine Schwester, du hast mir das Herz genommen mit deiner Augen einem und mit deiner Halsketten einer, deine Lippen sind wie triefender Honigseim, Honig und Milch ist unter deiner Zunge, deines Atems Duft ist wie der Duft von Granatäpfeln, deine Brüste sind wie Trauben, Trauben am Weinstock, dein Gaumen ist wie erlesener Wein, der meiner Liebe glatt eingeht, der mir über Lippen und Zähne fließt … Ein Gartenbrunnen bist du, Narde und Safran, Kalmus und Zimt, Myrrhen und Aloe. Und ich schlürfte meinen Nektar und meinen Honig, ich trank meinen Wein und meine Milch – wer war sie, wer, die da aufging vor mir wie die Morgenröte, schön wie der Mond, strahlend wie die Sonne und schrecklich wie eine waffenstarrende Heerschar?
Oh Herr, wenn die Seele entrückt ist, dann bleibt als einzige Tugend allein zu lieben, was man erschaut (ist das nicht wahr?) und als höchstes Glück einfach zu haben, was man hat, dann trinkt man das selige Leben an seiner Quelle (ward nicht so geweissagt?), dann kostet man von jenem wahren Leben, das uns nach dem Ende des sterblichen Lebens beschieden ist an der Seite der Engel in Ewigkeit … So dachte ich bei mir, und mich dünkte, als ob diese Prophezeiungen sich erfüllten, während das Mädchen mich mit unsäglichen Liebkosungen überschüttete. Und mir war, als wäre mein Körper ganz und gar Auge geworden, hinten und vorn, und ich sah alles rundum mit einem Blick. Und ich begriff, daß eben diesem Blick, der die Liebe ist, zugleich die Einheit und die Zartheit und die Güte und der Kuß und die Umarmung entspringen, wie ich früher bereits gehört hatte, glaubend, es wäre dabei von ganz anderen Dingen die Rede gewesen. Und nur einmal, als mein Entzücken sich seinem Gipfel näherte, kam mir kurz in den Sinn, daß ich womöglich gerade in diesem Moment, noch dazu inmitten der Nacht, die Beute des Mittagsdämons war, der bekanntlich dazu verdammt ist, am Ende stets seine wahre Teufelsnatur zu offenbaren, wenn ihn die Seele in höchster Ekstase fragt: „Wer bist du?“ – ihn, der Leib und Seele bis zu diesem Moment zu täuschen vermag. Doch gleich darauf war ich überzeugt, daß teuflisch nur noch mein Zögern war, denn nichts konnte richtiger, schöner und heiliger sein als das, was ich gerade empfand und was nun an Süße noch jeden Augenblick zunahm. Und gleichwie ein Wassertropfen, der in einen vollen Weinkrug fällt, sich gänzlich auflöst, um die Farbe und den Geschmack des Weins anzunehmen, gleich wie ein glühendes Eisen im Feuer seine ursprüngliche Form verliert und selber zu Feuer wird, gleichwie sich die Luft, wenn durchflutet von den Strahlen der Sonne, zu höchstem Glanze und höchster Klarheit wandelt, dergestalt, daß sie nicht mehr erleuchtet zu sein, sondern selber zu leuchten scheint – so fühlte ich mich vergehen in süßem Verströmen, und gerade noch blieb mir die Kraft, mit den Worten des Psalms zu hauchen: „Siehe, meine Brust ist wie neuer Wein, der neue Schläuche zerreißt!“ – Dann sah ich nur noch ein gleißendes Licht und in dem Licht eine glänzende saphirblaue Gestalt, die ganz und gar im lieblichen Schein einer hochrot funkelnden Lohe erglühte, und das gleißende Licht durchdrang die funkelnde Lohe, und die funkelnde Lohe durchdrang die glänzende blaue Gestalt, und das gleißende Licht und die funkelnde Lohe durchfluteten die Gestalt durch und durch.
Und während ich fast entseelt auf den Körper sank, mit welchem ich mich vereint, begriff ich in einem letzten Aufflackern meiner Lebensgeister: Die Flamme brennt in glänzendem Lichte, in purpurner Kraft und in feuriger Glut; durch das glänzende Licht aber leuchtet sie, durch die purpurne Kraft aber flammt sie, durch die feurige Glut aber wärmet sie! Dann blickte ich in den Abgrund und in die weiteren Abgründe, die sich unter ihm auftaten …
Metaphern sind ein brillantes Mittel, um einen trockenen Text anschaulich zu machen – vorausgesetzt, das Stilmittel wird sparsam und präzise eingesetzt. Ganz schlimm: schiefe Metaphern. „Der Platzhirsch musste Federn lassen!“ sorgt für eine Durcheinander im Kopf, „Zugpferde, die wie Pilze aus dem Boden schießen“ ebenso. „Kondome sind in aller Munde“ ergibt zwar ein eher klares Bild, aber vermutlich nicht das beabsichtigte.