Stippvisite in Reykjavik: Matilda und Lárus, von Kindesbeinen an miteinander vertraut und verbunden, hadern wieder mal mit dem aktuellen Singledasein. Das geplante Treffen in ihrer Heimatstadt, wo man zu viert die Weihnachtstage in Ausgelassenheit verbringen wollte, muss umgestaltet werden. Matilda hat ihren Liebsten verlassen und Lárus‘ Lebensgefährte hat überraschend mit ihm Schluss gemacht. Da kann man schon mal Wahrscheinlichkeitsberechnungen anstellen, um die Chancen auf neue Partnerschaften auszuloten. Gut, wenn in derartigen Situationen Freunde bereitstehen.
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Zurück in Reykjavík hielten wir bei dem staatlichen Alkoholladen neben IKEA, kauften finnischen Gin und dicken Moorbeerensaft. Dann wurde es fünfzehn Uhr und dunkel. Wir fuhren in meine Wohnung und erklärten den Nachmittag zum Abend.
„Und was machst du jetzt an Weihnachten?“, fragte Matilda.
Eine Frau, die mir einmal in Hamburg half, einen Film zu schneiden, hatte ich vor fünf Jahren mit einer ähnlichen Frage sehr aufgeregt. Es war Dezember, und ich fragte sie in einer Rauchpause, ob sie Weihnachten nach Hause fahre. Daraufhin war die Frau, die sechs oder sieben Jahre älter war als ich, so beleidigt, dass sie mich fast mit dem halbfertigen Film aus ihrem Studio geworfen hätte. Was ich denn denke, wo sie zu Hause sei, wenn nicht hier! Sie sei jedes Weihnachten bei sich zu Hause, wo auch immer sie sei, wenn Zuhause nicht sowieso ein Konstrukt sei, genau wie freier Wille und Geschlechter.
„Ich weiß nicht“, sagte ich.
Matilda legte Múms Album
loksins erum við engin – endlich sind wir niemand
auf, das schon ein Klassiker geworden war.
„Ich finde, das klingt wie die Weiterentwicklung der Musik, die wir als Kinder hörten“, sagte Matilda. Sie hatte Recht. Irgendwas in Múm ließ auch mich an die Zeit denken, als wir noch Musik hörten, von der man große Augen bekam. Bevor wir angefangen hatten, Musik zu hören, zu der man die Augen zusammenkniff und in dunklen Räumen umhersprang. Jetzt waren wir offensichtlich alt genug, um wieder Lust zu haben auf Musik, von der wir große Augen bekamen.
svefn/sund – schlaf/schwimmen
grasi vaxin göng – gras bewachsener tunnel
Es tat gut, Matilda anzusehen. Sie gab mir das Gefühl, dass ich mit ihr wirklich überall hingehen konnte, ohne Angst zu haben, dass sie schockiert oder verärgert wäre. Wir saßen das ganze grasi vaxin göng hinüber still da. Auf einmal kam mir das Lied sehr typisch für das moderne Island vor, das sowohl auf Tunnel als auch auf Grasbewuchs großen Wert legt.
við erum með landakort af píanóinu – wir haben eine landkarte vom klavier
„Apropos“, sagte Matilda, ohne dass jemand in den letzten Minuten etwas gesagt hätte. „Ich hab mir das ausgerechnet. Auf Island gibt es 140.000 Männer. Knapp 140.000 Männer. Von denen sind 20.000 zwischen 25 und 35. Von denen sind maximal 2.000 schwul, 10.000 verheiratet, 5.000 hässlich, 1.000 geisteskrank, weitere 1.000 leben im Ausland.“
ekki vera hrædd, þú ert bara með augun lokuð – habe keine angst, du hast nur die augen geschlossen
„Was ist mit Frikki?“, fragte ich. „Der ist schwul, geisteskrank und lebt im Ausland.“
„Ziehen wir den noch ab“, sagte Matilda. „Von den verbleibenden 999 wollen viele nichts von mir.“
„Ziehen wir zehn ab.“
„Danke.“
á bakvið tvær hæðir,,,, sundlaug – hinter zwei hügeln,,,, schwimmbad
„Ziehen wir 100 ab: 899. Davon lebt die Hälfte nicht in Reykjavík, bleiben 449,5. Da kann man bestimmt noch mal 200 von abziehen, die zwar nicht hässlich sind, aber zu denen ich mich nicht hingezogen fühle: Bleiben 249,5. 200 davon werde ich nie über den Weg laufen. Und wie viele von den verbleibenden 49,5 sind zu betrunken, um zu reden, wenn man sie denn mal trifft? Bleiben 9,5. Von denen sind zwei katholische Priester, einer in irgendeiner Sekte und sechs dauernd auf See. Bleibt ein halber Mann übrig.“
k/hálft óhljóð – k/halb lärm
Als wollte sie das Husarenrittartige ihrer Theorie unterstützen, führte sie ihr Glas mit einer so unkontrollierten Kreisbewegung zum Mund, dass der erste Schluck der neuen Mischung in ihr Haar schwappte.
nú snýr óttinn aftur – nun kommt die furcht zurück
„Was soll ich denn sagen“, sagte ich.
„Gucken wir uns die 2.000 Männer zwischen 25 und 35 an. Von denen hatte die Hälfte noch nicht ihr Coming Out, weil sie in der konservativen Partei sind, verheiratet, katholische Priester oder Judotrainer.“
„Bleiben 1.000. Von denen sind 500 ins Ausland gegangen.“
„501, mit Frikki“, bemerkte Matilda, und zu recht.
sundlaug í buskanum – schwimmbad in der ferne
ég finn ekki fyrir hendinni á mér, en það er allt í lagi, liggðu bara kyrr – ich spüre meine hand nicht mehr, aber das ist in ordnung, lieg einfach ganz ruhig
„Bleiben 499. Von denen wohnt die Hälfte nicht in Reykjavík: 249,5. Wenn du jetzt die Verliebten und die enttäuschten Wracks abziehst, kannst du das ruhig noch mal durch drei teilen, macht: 83. Von denen ist die Hälfte hässlich oder dumm. 41,5 – von denen wollen 20 nichts von mir, und weitere 20 sind Stewards, Piloten und Seemänner, daher nie da. Bleiben 1,5 Männer.“
loksins erum við engin – endlich sind wir niemand
„Das ist besser als bei mir“, sagte Matilda.
„Aber einer davon bin ich“, sagte ich.
sveitin milli sólkerfa – das land zwischen den sonnensystemen
Jetzt, wo der Gin alle war, fiel uns auf, dass die CD zu Ende war.
„Zusammen bekämen wir den perfekten Mann“, sagte Matilda.
„Lassen wir ihn nicht warten.“
Wie oben sehr hübsch dargestellt: Dein Text muss das logische Resultat der Grundlage und deiner Arbeit sein. Die Grundlage ist Briefing, und dem geht idealerweise eine systematische Problemanalyse und eine zwangsläufige Ableitung des Kommunikationsziels voran. Deshalb: Nie einen Text ohne klares Briefing schreiben. Und nie die Beurteilung deines Textes ohne vorgängige Rekapitulation des Briefings zulassen. Auch wenn das die oder den eine:n und anderen langweilt.
1 Gedanke zu „„Zuhause“ von Kristof Magnusson (2005)“
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