„Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky (2017)

Die Großmutter in diesem Buch sieht gelegentlich im Traum ein Okapi, die Enkelin begegnet auf der Suche nach ihrem ausgebüxten Hund einem buddhistischen Mönch. Beiden Frauen ist es jeweils ein untrügliches Zeichen. Im ersten Fall wird jemand im Dorf sterben im zweiten gibt die Liebe dem Leben eine entscheidende Wendung. Und weil das in dem kleinen Westerwälder Ort niemanden zweifeln lässt, aber jeden interessiert, ist die erwartungsvolle Unruhe groß.

Lesedauer achteinhalb Minuten

Wir gingen nebeneinander, wir hielten Ausschau, und immer wieder sah ich Frederik aus den Augenwinkeln an, wie Selma im Traum das Okapi ansah. Frederik war groß, er hatte die Ärmel seiner Kutte hochgeschoben, seine Arme waren braun, als kämen sie direkt aus den Sommerferien, blonde Härchen waren darauf, blond, das sah man, wären auch die Haare auf Frederiks Kopf gewesen, wenn sie nicht geschoren worden wären. 
Wir sagten lange nichts. Ich überlegte fieberhaft eine Frage, aber weil es zu viele Fragen gibt, wenn auf der Uhlheck plötzlich ein buddhistischer Mönch neben einem hergeht, einer, der sich anschickt, das Leben umzudrehen, verkeilen sich alle Fragen in einander, und keine lässt sich von den anderen lösen. 
Frederik sah nicht aus, als habe er eine Frage. Ich dachte, dass buddhistische Mönche vielleicht grundsätzlich keine Fragen haben, aber das stimmte nicht. Frederik neben mir überlegte ebenfalls, wo man bei ineinander verkeilten Fragen ansetzen könnte. „Was glaubst denn du“, schrieb er viel später, „so was passiert mir ja auch nicht alle Tage.“
Frederik griff in die Tasche seiner Kutte und holte einen Schokoriegel heraus, es war ein Mars. Er wickelte ihn aus und hielt ihn mir hin. „Möchtest du?“ 
„Nein, danke“, sagte ich. „Was ist Alaska denn für ein Hund?“ „Er gehört meinem Vater“, sagte ich. 
Wir gingen über die Uhlheck. Frederik aß sein Mars, schaute mich immer wieder kurz an und dann wieder in die Landschaft, die sich enorm herausgeputzt hatte, wie Elsbeth, wenn Sonntagsbesuch kam, die Ähren waren tatsächlich golden, der Himmel einwandfrei. 
„Schön habt ihr es hier“, sagte Frederik. 
„Ja, nicht wahr“, sagte ich, „eine herrliche Symphonie aus Grün, Blau und Gold.“ 
Alles an Frederik war hell, die nicht vorhandenen Haare auf seinem Kopf, die vorhandenen türkisfarbenen Augen. Wie kann man nur so schön sein, dachte ich, ich dachte es in genau dem Tonfall, in dem der Optiker in die Luft gefragt hatte, wie man nur so jung sein kann. 
Und dann blieb ich stehen. Ich hielt Frederik am Ärmel seiner Kutte fest. 
„Es ist folgendermaßen“, sagte ich. „Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt. Mein bester Freund ist gestorben, weil er sich an eine nicht richtig geschlossene Regionalzugtür gelehnt hat. Das ist erst zwölf Jahre her. Immer, wenn meine Großmutter von einem Okapi träumt, stirbt hinterher jemand. Mein Vater findet, dass man nur in der Ferne wirklich wird, deshalb ist er auf Reisen. Meine Mutter hat einen Blumenladen und ein Verhältnis mit einem Eiscafébesitzer, der Alberto heißt. Diesen Hochsitz da“, ich zeigte auf die angrenzende Wiese, „hat der Optiker angesägt, weil er den Jäger umbringen wollte. Der Optiker liebt meine Großmutter und sagt es ihr nicht. Ich mache eine Ausbildung zur Buchhändlerin.“ 
All das hatte ich noch nie jemandem gesagt, weil es teilweise Dinge waren, die alle, die ich kannte, wussten, und teilweise Dinge, die keiner wissen durfte. All das sagte ich zu Frederik, damit er umstandslos einsteigen konnte. 
Frederik schaute über die Felder und hörte mir zu wie jemand, der versucht, sich eine Wegbeschreibung genau einzuprägen. 
„Und das ist eigentlich soweit alles“, sagte ich.
Frederik legte seine Hand auf meine, die immer noch seinen Ärmel festhielt, und schaute weiter in die Ferne. „Ist er das?“, fragte er. 
„Wer?“
„Alaska“, sagte Frederik. 
Von weit, weit hinten kam etwas auf uns zugelaufen, ein kleines graues Ding, das beim Näherkommen immer größer wurde und immer mehr wie Alaska, und als es ganz nah war, als es uns erreichte, war er es tatsächlich. „In der Nähe wird man auch wirklich“, sagte Frederik, und ich hockte mich hin und schlang meine Arme um den atemlosen Hund, der voller kleiner Zweige und Blätter war. „Ein Glück“, rief ich, „ein Glück, wo bist denn du bloß gewesen?“, und es war ausnahmsweise erstaunlich, dass Alaska nicht antwortete. 
Ich zupfte die Blätter und Zweige aus seinem Fell und prüfte, ob er sich irgendwo verletzt hatte. Alles war intakt. 
„Ein wirklich hübscher Hund“, sagte Frederik, und das war das erste und einzige Mal, dass er mich anlog. Alaska war freundlich, aber hübsch war er beileibe nicht. 
Ich richtete mich auf, Frederik und ich standen voreinander, und ich überlegte, was ich auf die Schnelle und vorsätzlich noch verlieren könnte, damit Frederik und ich hier noch etwas zu suchen hätten. 
Frederik kratzte sich an seinem kahlen Kopf. „Ich müsste dann jetzt mal zurück“, sagte er. „Wie komme ich denn von hier zum Haus der Einkehr?“ 
„Wir bringen dich“, sagte ich etwas zu laut und so glücklich, wie man ist, wenn man einen absehbaren Abschied etwas unabsehbarer gemacht hat, „wir bringen dich einfach den ganzen Weg zum Haus der Einkehr.“ 
Wir gingen zum Waldrand, Alaska zwischen uns, ich hatte eine Hand auf seinem Rücken wie an einem Geländer. Wir gingen immer geradeaus, bis viel zu schnell das nächste Dorf auftauchte. 
„Es ist folgendermaßen“, sagte Frederik plötzlich, als wir schon fast am Haus der Einkehr waren, „ich komme eigentlich aus Hessen.“ 
„Ich dachte, du kämst aus dem Nichts.“ 
„Das ist ungefähr dasselbe. Vor zwei Jahren habe ich mein Studium abgebrochen, um …“  
„Wie alt bist du eigentlich?“, fragte ich, weil sich plötzlich alle Fragen entwirrten und zur Benutzung parat lagen. 
„Fünfundzwanzig. Ich habe das abgebrochen, um in Japan in einem Kloster zu leben, und …“  
„Warum?“  
„Unterbrich mich nicht immer“, sagte Frederik, „ich habe dich auch nicht unterbrochen. Ich bin mal ein paar Wochen in einem buddhistischen Kloster gewesen. Und dann habe ich mich eben für diesen Weg entschieden. Wie spät ist es eigentlich?“  
Wir standen jetzt vor dem Haus der Einkehr. An der Tür hing ein kleiner Dekokranz. Ich kannte diese Sorte, das Haus der Einkehr hatte offenbar bei meiner Mutter eingekauft. Der Kranz hieß Herbsttraum und war bestückt mit Textillaub in stimmungsvollen Herbstfarben. Es ist aber doch Sommer, dachte ich, es ist viel zu früh für einen Herbsttraum. 
Frederik zog eine Armbanduhr aus der Tasche. Viel zu früh, dachte ich. „Viel zu spät“, sagte er, „ich muss da jetzt rein.“  
Alaska hatte sich vor Frederik gesetzt, als wolle er ihm den Weg versperren. „Danke für die Hilfe“, sagte ich leise, weil man einem Abschied nicht dauerhaft von der Schippe springen kann. Es sei denn, dachte ich, das Haus der Einkehr stürzt jetzt auf der Stelle ein, weil seine Wände mürbe geworden sind, als Spätfolge von zu viel Schreitherapie. 
Frederik schaute mich an. „Auf Wiedersehen, Luise“, sagte er, „es war ein Abenteuer, dich kennenzulernen.“  
„Dich auch“, sagte ich. 
Frederik strich mir über die Schulter. Ich schloss die Augen, und als ich sie öffnete, ging Frederik bereits durch die Tür. Die Tür begann, sich hinter ihm zu schließen, und ich ahnte, dass es eine Tür war, die, im Gegensatz zu anderen Türen, tadellos schließen würde. 

Wenn man stirbt, heißt es, zieht das Leben an einem vorbei. Das muss manchmal sehr schnell gehen, wenn man beispielsweise irgendwo herausstürzt oder die Laufmündung eines Gewehrs unter dem Kinn hat. Während die Tür dabei war, sich hinter Frederik zu schließen, dachte ich in der Geschwindigkeit eines herausstürzenden Lebens, dass Alaska das Abenteuer gesucht hatte, obwohl mein Vater ihm jede Abenteuertauglichkeit abgesprochen hatte. Ich dachte, dass man Abenteuertauglichkeit womöglich nicht beurteilen kann, wenn man sich zu lange kennt, dass sie verlässlich nur von jemandem eingeschätzt werden kann, der zufällig durchs Unterholz gebrochen kommt. Ich dachte, während ich der Tür beim Geschlossenwerden zusah, daran, dass Frederik gesagt hatte, er habe sich für diesen Weg entschieden, und ich dachte, dass ich mich noch nie für etwas entschieden hatte, dass mir alles immer eher widerfuhr, ich dachte, dass ich zu nichts wirklich Ja gesagt hatte, sondern immer nur nicht Nein. Ich dachte, dass man sich von aufgeplusterten Abschieden nicht ins Bockshorn jagen lassen darf, dass man ihnen sehr wohl von der Schippe springen kann, denn solang keiner stirbt, ist jeder Abschied verhandelbar. Aufspringende Regionalzugtüren sind nicht verhandelbar, das Schließen einer Tür mit vorzeitigem Herbstlaub allerdings schon. Und im allerletzten Moment, bevor die Tür das Schloss erreichte, bevor ein vorbeiziehendes Leben aufschlägt, sprang ich vor und stellte einen Fuß in die Tür. 
„Au“, sagte Frederik, weil ich sie ihm gegen die Stirn geschlagen hatte. 
„Entschuldigung“, sagte ich, „aber ich brauche noch deine Telefonnummer.“  
Ich strahlte Frederik an, weil ich tatsächlich die Welt hereingelassen hatte, und weil allein das so unvergleichlich war, schien es fast egal, wenn die Welt jetzt sagen würde: „Scher dich zum Teufel.“  
Frederik rieb seine Stirn. „Telefonieren ist sehr umständlich“, sagte er dann. „Wir telefonieren eigentlich nie.“  
„Gib sie mir trotzdem“, sagte ich. 
Er lächelte. „Du bist ganz schön hartnäckig“, sagte er, und das hatte noch nie jemand zu mir gesagt. Er holte einen Stift aus seiner Tasche. „Hast du einen Zettel?“  
„Nein.“ Ich hielt ihm meine Hand hin. „Schreib sie hier drauf“, sagte ich. 
„Eine Hand reicht nicht“, sagte Frederik. 
Ich drehte meinen Arm um, Frederik fasste mich am Handgelenk und schrieb seine Nummer auf die Innenseite meines Unterarms. Der Stift kitzelte auf der Haut, Frederik schrieb und schrieb, die Nummer reichte von der Handwurzel bis beinahe zum Ellenbogen. Die Telefonnummern, die ich kannte, waren fast alle vierstellig. 
„Danke“, sagte ich, „jetzt musst du aber mal los.“  
„Dann auf Wiedersehen“, sagte Frederik, drehte sich um und schloss die Tür. 
„Komm, Alaska“, sagte ich, und als wir losgegangen waren, als wir schon ziemlich weit entfernt waren vom Haus der Einkehr, ging die Tür wieder auf. 
„Luise“, rief Frederik, „was ist eigentlich ein Okapi?“  
Ich drehte mich um. „Das Okapi ist ein abwegiges Tier, das im Regenwald lebt“, rief ich, „es ist das letzte große Säugetier, das der Mensch entdeckt hat. Es sieht aus wie eine Mischung aus Zebra, Tapir, Reh, Maus und Giraffe.“ 

Ein in die Tür gesetzter Fuß ist ein Zeichen von großem Interesse. Seufzend eine neue Aufgabe annehmen zeigt das Gegenteil an und ist ein Zeichen von unprofessionellem Verhalten: Eine angenommene Arbeit ist eine Verpflichtung, sein Bestes zu liefern. Wenn du dein Bestes nicht liefern kannst, lehn den Auftrag ab. Das kann zwar unmittelbar zu Diskussionen führen, ist aber für den Auftrag richtig. Punkt.

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