„Elektroauto, El Paso“ aus „Was ich sonst noch verpasst habe“ von Lucia Berlin (1977)

Das empfindsame kleine Mädchen, das in der heutigen Kurzgeschichte mit seiner Großmutter und deren Freundin eine Ausflugsfahrt im Fahrzeug der Letzteren unternimmt, hätte sich die damit verbundenen Herausforderungen bestimmt nicht selbst ausgesucht. Während die Damen auf den vorderen Sitzen sich in alter Vertrautheit unterhalten, sieht sich das Kind mit allerlei subjektiven Wahrnehmungen und Zumutungen sowie der Mühsal bestmöglicher Anpassung konfrontiert.

Lesedauer gut fünf Minuten

Mrs. Snowden wartete, dass meine Großmutter und ich in ihr Elektroauto stiegen. Es sah aus wie jedes andere Auto, nur, dass es sehr hoch und kurz war, wie ein Auto aus einem Comic, das gegen eine Wand gefahren war. Ein Auto, dem die Haare zu Berge standen. Mamie stieg vorne ein und ich hinten. Dort war es wie Fingernägel, die über eine Tafel kratzten. Die Fenster waren von einer gelben Staubschicht überzogen. Verkleidung und Sitze aus stockfleckigem staubigen Samt. Maulwurfgrau. Damals knabberte ich viel an den Fingernägeln, und das Gefühl von modrigem, staubigen Samt an den rohen Fingerkuppen, den aufgeschürften Ellbogen und Knien … es war eine Qual. Meine Zähne schmerzten, meine Haare taten weh. Ich schauderte, als hätte ich versehentlich eine verfilzte tote Katze berührt. Zusammengekauert griff ich nach oben zu den geschnitzten goldenen Blumentöpfen über den schmutzigen Fenstern, hielt mich daran fest. Die Halteriemen waren verrottet und fast durchgewetzt, baumelten wie alte Perücken zwischen den Blumentöpfen. Eine Hand am Riemen, hob es mich hoch in die Luft, ich schaukelte über den Rücksitzen anderer Autos, wo ich Einkaufstüten sehen konnte, Babys, die in Aschenbechern wühlten, Kleenex-Schachteln.
Das Auto machte ein so schwaches surrendes Geräusch, dass es schien, als würden wir uns nicht bewegen. Oder doch?
Mrs. Snowden konnte oder wollte nicht schneller fahren als fünfzehn Meilen pro Stunde. Wir fuhren so langsam, dass ich alles um mich her sah wie nie zuvor. Zeitentrückt, als sähe man jemandem beim Schlafen zu, die ganze Nacht. Ein Mann auf dem Gehweg entschloss sich, in ein Café zu gehen, überlegte es sich anders, lief bis zur nächsten Straßenecke, drehte wieder um, ging zurück und hinein ins Café, breitete die Serviette über seinen Schoß und sah erwartungsvoll aus, und das alles, bevor wir das Ende der Straße erreicht hatten.
Wenn ich den Kopf wie den Sitz einer Schaukel zwischen meine baumelnden Arme fallen ließ und dann aufblickte, konnte ich von der winzigen Mamie und Mrs. Snowden nur ihre Strohhüte sehen, als wären sie selbst nichts als zwei Hüte aus Stroh, die auf dem Armaturenbrett lagen. Jedes Mal musste ich wahnsinnig kichern. Mamie drehte sich um und lächelte so, als würde sie nichts mitbekommen. Wir waren immer noch nicht im Zentrum, nicht mal an der Plaza.
Sie und Mrs. Snowden redeten über Freundinnen, die gestorben oder krank waren oder ihren Ehemann verloren hatten. Alles, was sie sagten, beendeten sie mit einem Spruch aus der Bibel.
„Also, ich glaube, das war sehr unvernünftig von ihr, zu …
„Oh, Gott sei uns gnädig, ja. ,Doch haltet ihn nicht als einen Feind, sondern vermahnet ihn als einen Bruder.’“
„Thessalonicher drei!“, sagte Mamie. Das war eine Art Spiel.
Schließlich konnte ich mich nicht länger an den Blumentöpfen festhalten. Ich legte mich auf den Boden. Schimmelnder Gummi. Staub. Mamie drehte sich um, wollte lächeln. O mein Gott! Mrs. Snowden fuhr an den Straßenrand. Sie dachten, ich wäre hinausgefallen. Viel später, Stunden später, musste ich auf die Toilette. Die sauberen Toiletten waren alle auf der anderen Seite der Straße, auf der linken Seite. Mrs. Snowden konnte aber nicht links abbiegen. Erst nach zehnmal rechts abbiegen und einer Einbahnstraße kamen wir zu einer Toilette. Da hatte ich mir schon in die Hosen gepinkelt, sagte es ihnen aber nicht und trank Wasser aus dem kahlen, kühlen Texaco-Hahn. Es dauerte noch viel länger, ehe wir wieder auf der rechten Seite der Straße waren, weil wir bis zur Überführung an der Wyoming Avenue zurückfahren mussten.
Die Luft am Flughafen war trocken, Autos knirschten auf dem Schotter hinein und heraus. Steppenroller hatten sich im Zaun verfangen. Asphalt, Metall, ein Schleier staubig tanzender Atome, von Tragflächen und Fenstern der Flugzeuge blendend gespiegelt. Die Menschen in den Autos um uns herum aßen schlabbriges Zeug, Wassermelonen, Granatäpfel, Bananen mit braunen Stellen. Bier war auf die Dächer gespritzt, Schaum rann an Autotüren hinab. Ich wollte an einer Orange lutschen. Ich habe Hunger, quengelte ich.
Mrs. Snowden hatte das vorausgesehen. Ihre behandschuhte Hand reichte mir Fig Newtons, die in Talkumtaschentücher eingewickelt waren. Die Feigenkekse gingen im Mund auf wie japanische Blüten, wie ein platzendes Kissen. Ich würgte und weinte. Mamie lächelte und reichte mir ein im Tütchen angestaubtes Taschentuch, flüsterte mit Mrs. Snowden, die den Kopf schüttelte.
„Kümmer dich nicht um sie … sie spielt sich nur auf.“
„Denn wen der Herr liebt, den züchtigt Er.“
„Johannes?“
„Hebräer, elf.“
Ein paar Flugzeuge hoben ab, eines landete. Na gut, wir fahren besser zurück nach Hause. Sie konnte nachts nicht so gut sehen, die Scheinwerfer und so, also fuhr sie auf dem Rückweg noch langsamer, hielt großen Abstand zu den am Straßenrand geparkten Autos. Die Sonntagsfahrer hupten uns alle an. Ich stellte mich auf den Sitz, hielt Abstand zum Samt, indem ich mich mit den Händen am Rückfenster abgestützte, und schaute auf die Reihe von Scheinwerfern, die sich hinter uns bis zurück zum Flughafen stauten.
„Cops!“, brüllte ich. Ein rotes Licht, eine Sirene. Mrs. Snowden blinkte, lenkte langsam zur Seite, um den Streifenwagen vorbeizulassen, aber er hielt neben uns. Sie ließ ihr Fenster zur Hälfte hinuntergleiten, um ihn anzuhören.
„Meine Dame, die Ampeln sind auf vierzig Meilen ausgerichtet. Außerdem fahren Sie in der Mitte der Straße.“
„Vierzig ist viel zu schnell.“
„Fahren Sie schneller, oder ich muss Ihnen einen Strafzettel geben.“
„Die können doch einfach um mich herumfahren.“
„Schätzchen, das würden sie nie wagen!“
„Also gut!“
Sie schloss das elektrische Fenster, während er noch redete. Er hämmerte mit seiner Faust dagegen, mit hochrotem Kopf. Hupen blökten, und die Leute im Auto hinter uns lachten. Wütend stampfte der Polizist um das Auto herum und stieg in seinen Streifenwagen, ließ den Motor aufheulen und brauste davon. Mit heulenden Sirenen überfuhr er eine rote Ampel, krachte in das lohfarbene Heck eines Oldtimers und krachte gleich darauf in die Vorderseite eines Pick-ups. Glas klimperte. Mrs. Snowden ließ ihr Fenster herab. Sie fuhr vorsichtig am Heck des kaputten Lieferwagens vorbei.
„Darum, wer sich lässt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, dass er nicht falle.“
„Korinther!“, sagte Mamie.

Eine Grundregel, die fast für alle Bereiche des Lebens gilt: Zuviel Tempo schadet, einmal drüber schlafen lohnt sich. Vor allem beim Schreiben: Schreiben ist mit Denken untrennbar verwoben, Schreiben ist, wenn man stilistische und inhaltliche Standards befolgt, anspruchsvoll, und Schreiben ist Knochenarbeit. Distanz zum eigenen Werk schaffen ist hilfreich.
Auch wenn es nicht umweltbewusst ist: Das Geschriebene ausdrucken und auf einem Blatt Papier lesen, führt auch zu Distanz und damit zur Möglichkeit, den Text zu verbessern. Einfach das Blatt dann korrekt entsorgen.