Möchtest du dich vom Karikaturisten und Schriftsteller Robert Gernhardt anregen lassen, dir ein Bild zu machen von einem Gemälde oder noch besser: dem Making-of eines solchen? Also dann … denken wir uns Delft, um 1663, den Haushalt der Familie Vermeer. Der Maler Jan arbeitet mit zwei Modellen am Bild „Die Musikstunde“ (wie auch diese Erzählung überschrieben ist). Seine Frau Catharina kommt zum Saubermachen ins Atelier. Dazu bringt sie nicht nur entsprechende Utensilien mit, sondern auch die fünfköpfige Kinderschar des Paares und einen üppigen Strauß von Ideen für die Tätigkeit ihres Gatten.
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Vermeers Bilder sind so zurückhaltend, daß schrille disharmonische Stimmen oder plötzliche Geräusche ganz fremd erscheinen.
Arthur K. Wheelock, Jr.
Denken wir uns Delft, eine im 17. Jahrhundert blühende Stadt, von der ein durchreisender Engländer zu berichten wußte: „Delft hat so viele Brücken wie das Jahr Tage hat und ebenso viele Grachten und Wasserstraßen, auf denen die Schiffe hin und her fahren.“
Eine Mitteilung, die wir getrost vergessen können, da sie mit dem folgenden Ereignis in keinerlei Zusammenhang
steht.
Das nämlich spielt sich nicht nur auf dem Festland, sondern zudem in einem geräumigen Haus ab, „Mechelen“ genannt, am Grote Markt der Stadt gelegen und dank einer Erbschaft seit dem Jahr ihrer Eheschließung, 1653, Heimat des Ehepaars Jan und Catharina Vermeer.
Diese Heirat liegt nun schon zehn Jahre zurück, und in diesem Zeitraum hat sich so einiges getan. Jan ist bereits seit langem als „Meistermaler“ in der Delfter Lucasgilde eingetragen; mit seinen Darstellungen gelassener Menschen bei ruhigen Tätigkeiten in stillen Innenräumen zählt er nach dem durch einen Unglücksfall aus dem Leben gerissenen Carel Fabritius und neben Pieter de Hooch, Gerard Terborch und Jan Steen zu den bekanntesten Vertretern der Delfter Malerei.
Reich hat ihn seine Kunst freilich nicht gemacht, und das hat gute Gründe. So langsam er an seinen meist kleinformatigen Bildern arbeitet, so rasch vergrößert er seine Familienschar; als der Maler im Jahre 1675 im Alter von 43 Jahren stirbt, wird er seiner Frau elf Nachkommen, 28 seiner insgesamt rund 45 Bilder und einen Haufen Schulden hinterlassen. Noch freilich schreiben wir das Jahr 1663, noch ist die Zahl der Kinder auf fünf beschränkt, auf die beiden Mädchen Martha und Saskia sowie auf die drei Jungs Johannes, Willem und Pieter.
Kein Wunder, daß Frau Catharina von früh bis spät alle Hände voll zu tun hat. So ein Haus sauberzuhalten, macht viel Arbeit und manchmal sieht sie sich sogar gezwungen in das Allerheiligste von „Mechelen“ einzudringen, in das Atelier des Malers und Gatten Jan Vermeer. Der hat gerade das Arrangement für ein vor längerer Zeit begonnenes Gemälde zurechtgerückt, hat den teppichbedeckten Tisch im Vordergrund ein wenig zur Seite geschoben, hat die Modelle am weit entfernten Virginal postiert, hat durch einen zwischen den Tisch und die Menschen plazierten blaubezogenen Stuhl und eine auf den Boden gelegte Baßgeige für zwei zusätzliche raumschaffende Bildebenen gesorgt, will just zum Pinsel greifen, um ihn in die frisch angeriebene Farbe zu tauchen – als unvermutet Frau Catharina eintritt, mit Wassereimer, Lappen und Leiter bewaffnet und von der Kinderschar gefolgt:
„Gott zum Gruß Juffer Maria, einen guten Tag Jonker van Basten, hallo Jan, nicht stören lassen, ich muß hier kurz einmal durchwischen.
Hat es einen tieferen Sinn, daß da eine Baßgeige auf dem Boden liegt? Ach so – du malst gerade eine Musikstunde, und Juffer Maria ist die Schülerin und Jonker van Basten der Lehrer? Sieht so ein Musiklehrer aus, Jan? Ist recht, ist recht, ich rühr die Baßgeige nicht an, obwohl das Virginal an der Wand in meinen Augen für eine Musikstunde völlig ausreichen würde. Aber ich bin ja nur eine einfache Frau, und du bist der Meistermaler, ich halte mich da raus. Pieter, lauf nicht ins Bild! Und zupf nicht an dem Teppich rum, sonst fällt der Krug vom Tisch. Martha – du paßt auf Pieter auf, und du Willem, hilfst mir beim Bodenwischen. Ach, ich soll hier nicht Bodenwischen? Weil erstens der Herr Jan malen will und weil zweitens die Baßgeige Schaden nehmen könnte? Saskia, laß die Finger von der Baßgeige! Johannes, hol sofort Saskia zurück! Ist das das Bild, an dem du gerade malst, Jan? Findest du nicht, daß da ein bißchen viel Teppich drauf ist? Und daß sich dieser Teppich auf diesem Tisch ein bißchen zu sehr in den Vordergrund drängt? Während die beiden Menschen ein bißchen arg weit weg sind? Das ist jetzt keine Kritik, aber wenn ich daran denke, wie lange du wieder an diesem Teppich herummalen wirst! Glaubst du wirklich, daß die Leute einen Haufen Geld für einen gemalten Teppich ausgeben werden, wenn sie für das gleiche Geld einen echten kaufen können? Ich will dir ja nicht reinreden, aber wenn der Terborch eine Musikstunde malt, dann sitzen die musizierenden Juffertjes und Jonkertjes ganz vorn im Bild und so, daß ihre Gesichter auch gut zu sehen sind. Die Leute sind nämlich einfach gestrickt – sie lieben schlicht und ergreifend hübsche Gesichter. Ein schöner Rücken kann auch entzücken, sagt man zwar – aber warum darf die arme Juffertje Maria ihr Gesicht nur im Spiegel zeigen? Ist sie dir nicht schön genug, Jan? Schöner als dieser Riesenteppich ist sie doch allemal – doch apropos ,Teppich‘: Wenn der Terborch einen Teppich malt, dann liegt der hinten im Bild oder ganz unauffällig auf dem Tisch herum und nicht – Martha! Pieter will sich Papas Pinsel in den Mund stecken, bring ihm den Pinsel zurück! Aber apropos ,zurück‘: Zurückhaltend geht’s ja auf Terborchs Bildern nicht gerade zu, wenn da musiziert wird. Da knistert’s ordentlich zwischen den Juffertjes und den Jonkertjes. Bei dir knistert gar nichts, Jan, laß mich das so hart sagen. Da kann auch nichts knistern, wenn die Frau nicht mal aus dem Bild guckt. Mal doch mal wieder sowas wie ,Bei der Kupplerin‘, Jan! Da hat’s noch ordentlich geknistert, da hat der Mann der Frau die Hand groß und breit auf die Brust gepatscht – so was das mögen die Leute. Aber doch nicht Frauen von hinten, und vorne nichts als Teppich. Saskia, zupf nicht an der Juffert! Johannes, paß auf die Saskia auf. Pieter, leg sofort den Pinsel weg! Das ist Papas Pinsel! Pinsel bäh bäh! Jetzt hätte der Pieter um ein Haar den Teppich vollgemalt, Martha! Und ich hätte ihn wieder stundenlang reinigen – aber apropos ,reinigen‘: Ich bin schließlich nicht zum Vergnügen hier. Jetzt wird gereinigt. Na gut, na gut, der Boden kommt das nächste Mal dran, aber die Fenster sind fällig. Wie kannst du überhaupt etwas sehen, bei so verdreckten Fenstern? Deine Augen sind doch dein Kapital, Jan! Du bist schließlich Maler, und ein Maler, der nichts sieht – Johannes! Siehst du nicht, daß Saskia Papas Terpentin austrinken will? Saskia pfui, pfui, pfui! Ja, Jan, wir gehen ja gleich wieder, aber erst kommen noch die Fenster dran! Auf deinen Bildern sind die Fenster auch immer sauber – da können sie es in Wirklichkeit ruhig ebenfalls sein. Auf deinen Bildern ist überhaupt alles immer so sauber. Immer diese aufgeräumten Zimmer mit diesen feinen Leuten bei diesen edlen Tätigkeiten: Perlenwiegen, Briefeschreiben, Virginalspielen. … Hab ich jemals Perlen gewogen? Mal mich doch mal beim Fensterputzen. Oder mal uns mal beide zusammen! Nein, nicht beim Fensterputzen, beim Feiern. Der Rembrandt hat sich beim Feiern mit seiner Frau gemalt, der Metsu hat sich beim Feiern mit seiner Frau gemalt – warum malst denn du dich nie mit mir beim Feiern? Willem! Kippel nicht am Wassereimer! Wenn der umfällt, wird die Baßgeige naß, und wenn die Baßgeige naß wird – wem gehört die Baßgeige eigentlich? Den van Rujvens? Findest du es eigentlich so gut, eine geliehene Baßgeige auf den Boden zu legen? Wenn Juffert Maria auch nur einen kleinen Schritt zurücktritt, stolpert sie mit Sicherheit über – rums! Ach Martha! Warum hast du denn den Pieter auf die Leiter gelassen? Ja, Pieter, das tut weh, wenn man von der Leiter fällt. Aber apropos ,fällt‘: Da fällt mir ein, daß der Terborch das Bild von seinem kranken Kind für einen schönen Batzen an die Kammermans verkauft hat. Mal doch auch mal ein krankes Kind, Jan. Oder überhaupt Kinder. Wir haben doch so viele, und auf deinen Bildern sind nie Kinder drauf. Wie? Das war der Metsu mit dem kranken Kind? Dann sind bei Terborch eben gesunde Kinder auf den Bildern. Gesunde Kinder wie bei uns. Mal doch mal gesunde Kinder, Jan! Oder ein gesundes Kind. Oder wenigstens einen gesunden Hund! Bei Terborch ist immer ein Hund auf dem Bild, na gut, nicht immer, aber doch sehr häufig. Und er fährt gut damit, wenn ich Frau Terborch glauben darf. Jedes Hundchen bringt ein Pfundchen. Ein Pfundchen was? Was weiß ich: Ein Pfundchen Zucker, ein Pfundchen Austern, ein Pfundchen Äpfel – aber apropos ,Äpfel‘: Mal mich doch mal beim Apfelschälen! Und die Kinder gucken zu. Das spart Modellkosten und wird gern gekauft. Der Terborch hat seine Frau beim Apfelschälen gemalt, der de Hooch hat seine Frau beim Apfelschälen gemalt, immer mit zuguckenden Kindern – warum malst du denn nie, achherrje! Jetzt hat der Pieter den Wassereimer umgekippt, und das ganze schöne Wasser läuft in die Baßgeige! Juffert Maria! Jonker van Basten – stehn Sie nicht so rum! Greifen Sie sich Lappen, helfen Sie beim Aufwischen! Aber wer legt denn auch eine Baßgeige auf den Boden, Jan! So eine verrückte Idee! Aber apropos ,Idee‘: Kannst du deine Staffelei eine Idee zur Seite rücken, sonst – Pieter! Komm sofort runter von Juffert Maria! Nein, die ist kein Hoppedie! Willem, gib Jonker van Basten seinen Stock zurück! Saskia, das ist nicht unser Teppich, da wird nicht Pipi drauf gemacht! Johannes, Finger weg vom Virginal! Martha, laß den Krug stehen! Wo ist eigentlich dieser Krug her? Gehört der nicht in die Küche? Und ich kann ihn dann wieder stundenlang suchen. Aber was beklage ich mich groß? Bin ja nur ein kleines Frauchen, gerade gut genug, um im Atelier des großen Meisters für etwas Ordnung zu sor… – wie bitte? Ich hätte schon genug Unordnung angerichtet? Das waren immer noch die Kinder, die du mir gemacht hast, Jan. Aber apropos ,Unordnung‘: Mal doch mal eine ordentliche Unordnung. Nie liegt etwas auf deinen Bildern rum. Außer Baßgeigen, versteht sich. Mal doch mal das, was wirklich immer auf dem Boden rumliegt. So wie bei Jan Steen. Bei dem liegen Schuhe rum und Eßwaren und Spielzeug und Geschirr und Wäsche und Hüte und Hunde sowieso – und er verdient sich eine goldene Nase damit. Aber gut, aber gut! Der Meister will seine Ruhe, die Familie zieht sich auf Zehenspitzen zurück – Willem, wird’s bald mit dem Stock von Jonker van Basten? Saskia, zieh das Höschen hoch! Pieter, entschuldige dich bei Juffert Maria!
Johannes, laß den Baßgeigenbogen liegen und greif dir die Leiter! Martha, du trägst den Wassereimer! Na dann – gute Verrichtung allerseits. Und komm nicht zu spät zum Essen, Jan! Gegessen wird immer noch um sechs!“
Jan Vermeer beendete das Gemälde im Jahre 1664. Unter dem Titel »Die Musikstunde (Herr und Dame am Virginal)« zählt es seit 1762 zum kostbarsten Besitz der Royal Collection, Windsor Castle/Buckingham Palace.

Geschwätzigkeit kann durchaus charmant sein und erlaubt tiefe Einblicke in die Seele des Schwätzenden. In der kommerziellen Kommunikation ist sie allerdings kein geeignetes Stilmittel. Erstens, weil es unhöflich ist, dem und der Lesenden unnütz Lebenszeit zu stehlen – wer hat schon Zeit und Lust, sich mit Nebensächlichkeiten auseinanderzusetzen? Zweitens: Mit den digitalen Medien ist die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne spürbar zurückgegangen – eigentlich kann man nicht mehr von lesen sprechen, „durchscannen“ ist der bessere Ausdruck: Lohnt es sich, Zeit in diesen Artikel zu investieren? Das Herausfiltern des relevanten Arguments ist deshalb entscheidend.